Exklusiv-Interview mit wXw-Geschäftsführer Tassilo Jung: „Ohne Kayfabe wäre Wrestling wahnsinnig langweilig“ (Teil 5)

  • 04 Februar, 2015
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Wie das Thema Tim Wiese dem Wrestling in Deutschland hilft und wie offen man heutzutage mit dem Kayfabe umgehen sollte, diskutiert wXw-Geschäftsführer Tassilo Jung im hochspannenden letzten Teil unseres Exklusiv-Interviews.

Du willst das komplette Interview lesen? Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4.



Die Wrestling-Szene ist derzeit im Fokus wie selten zuvor in den vergangenen Jahren, auch dank dem Thema Tim Wiese. Inwiefern hat dieses Thema wXw beschäftigt?
Es hat nicht wXw als Firma beschäftigt, aber es hat alle Personen in wXw beschäftigt. Wenn du als Wrestling-Fan oder jemand, der im Wrestling aktiv bist, an dem Tag auf der Arbeit warst, dann haben dich ein Stapel Kollegen darauf angesprochen: „Sag mal, hast du das mit Wiese gesehen?“ Ein Teil meiner Arbeitskollegen wusste, was ich im Wrestling ungefähr mache, und mich haben an dem Tag mindestens 30 Leute angesprochen auf die Tim-Wiese-Nummer, und ich hatte auch ein paar Anfragen per E-Mail. Karsten Beck hat dazu ein Interview gegeben, Christian Jakobi hat dazu ein Interview gegeben. Das war einfach ein Thema, das Wrestling wieder in den Mund der Leute gebracht hat. Und das ist für jemanden, der Wrestling-Veranstaltungen macht, eine ideale Sache.

Ist es denn überhaupt positive Werbung gewesen oder ging es vielen Medien nur darum, wie sich wohl der vermeintliche Affe Tim Wiese mit den anderen Affen vom Wrestling in den Affenzirkus stellt?
Du bist etwas sehr auf Affen fixiert, oder? Natürlich ist es erst mal ein „Boah, guckt hin, der Wiese macht sich zum Affen“, um bei dem Begriff zu bleiben. Ist ja nicht so, dass man nicht auch mal in der Kurve gestanden und „Wiese, Wiese in den Zoo“ gerufen hat. Das ist halt so gewesen. Klar ist das ein Teil dieser Aufmerksamkeit. Aber wenn ich am Ende des Tages sehe, dass WWE in Frankfurt 5000 Zuschauer hat – die, die sagen, ich find Wrestling lächerlich und nehme das sowieso nicht ernst, die wirst du nie dazu kriegen, Wrestling-Fans zu sein. Wenn du aber die Leute, die potentiell Interesse haben und die potentiell hingehen würden, aktivieren kannst, dann kann es im Endeffekt egal sein, ob der Zuschauer, der vorher sagt „Wrestling ist scheiße“, auch nachher sagt „Wrestling ist scheiße“ und währenddessen sagt „Wrestling ist scheiße“ – der wird sowieso nie ein Wrestling-Fan. Die Leute, die Wrestling-Fans werden können, damit zu akquirieren, ist sehr viel wertvoller, als jemanden zu bestätigen, der Wrestling sowieso nicht mag.

Wie kann man denn jemanden, der jetzt vielleicht ein bisschen angefixt wurde, weiter dazu bewegen, mal den Fernseher für Wrestling einzuschalten oder sich mal eine Show anzugucken?
WWE hat das ja geschickt gemacht, die haben Wiese in der Show auftreten lassen. Die hatten ne Menge Zuschauer in der Halle und wenn die ne gute Show geboten haben, dann werden auch Zuschauer wieder kommen. Wenn dein Produkt gut ist und deine Charaktere spannend genug und dein Wrestling interessant genug, dann hast du jemanden, der potentiell wiederkommen wird. Und wenn du jemanden hast, der kein religiös angefixter Fan ist, sondern der mal reingeschaut hat, der Gelegenheitszuschauer quasi, den musst du zur nächsten Aktion wiederholen. Wenn ich Lokalveranstalter bin, muss also wieder ein Wrestling-Plakat hängen, und dann sieht der das und denkt „Ach, das war ja letztes Mal ganz cool, da könnte ich ja nochmal hingehen.“

"Zu sagen, Wrestler sind keine Sportler, ist nicht hinzunehmen"

Wie muss man mit den Medien umgehen? Kann man da heute noch reingehen und voll im Sinne des Kayfabes werben?
Das machen Leute und wenn ich eine reine Catch-Region habe, wo Wrestling auf Turnieren bekannt ist, dann funktioniert das vielleicht hier und da noch. Persönlich finde ich, das ist nicht zeitgemäß. Man muss nicht jedes Geheimnis erklären, aber man muss Leute auch nicht für dumm verkaufen. Wenn ich auf einen normalen Reporter zugehe, der zur Show kommt, und ich sage „Natürlich ist alles echt, was gerade passiert“ und dann springt hinter mir einer hoch und macht einen Frankensteiner, dann weißt du genau, was der Reporter von mir hält und wie der Artikel aussehen wird. Ich habe auch Kollegen, die sagen „Ja, in Amerika ist alles Show, aber in Deutschland und Europa ist alles echt“. Das kannst du auch keinem erzählen, der Wrestling guckt. Du kannst sicherlich einen Kampf so gestalten, dass der mal echt wirkt und wahnsinnig langweilig ist, aber Leuten zu erzählen, dass Wrestling echt ist – das ist unangemessen. Wrestling – ich bin da immer auf dieses sportive Improvisationstheater aus. Das drückt auch ganz gut aus, was Wrestling wirklich ist, sprich eine Mischung aus Sport und Unterhaltung, quasi auf den McMahon-Begriff zurück: Sports-Entertainment. Dann ist das weitaus vermarktbarer und sinnvoller als „Das ist alles echt“ – was zum einen gelogen ist, zum anderen nicht glaubwürdig ist und zum dritten Gewaltverherrlichung wäre.

Leicht provokatives Thema zum Abschluss: Geht Wrestling ohne Kayfabe?
Nein! Weil Kayfabe doch alles ist. Wenn Wrestling ohne Kayfabe wäre, dann würde jetzt Klaus Müller mit Hubert Meyer in den Ring gehen, einfach in ihren normalen Klamotten. Die würden die Zuschauer nicht mal berücksichtigen, würden keine Rolle spielen und würden einen Stapel Griffe abfeuern und, wenn du Kayfabe ganz rausnimmst, wirklich nur auf die Griffe reagieren, die gerade weh tun und in dem Maße, wie sie gerade weh tun. Und wenn man einen realen Kampf hat, dann möchte man der Gegenseite nicht zeigen, dass einem was weh tut, dann würden die mit steinerner Miene ein paar Griffe und Würfe austauschen. Das wäre unfassbar langweilig.

Und wie wäre es, wenn man alles macht wie bisher, bloß dass man offener umgeht mit dem Thema Kayfabe?
Ich habe darüber mal mit einzelnen Wrestlern geredet, wie die sich verhalten sollen, weil das ein schwieriges Thema ist. Wenn du schwarzseherisch da reingehst, dann kannst du nur verlieren. Entweder heißt es dann „Das ist ja alles nur Show – boah, der gibt das ja zu“ oder „Das ist ja alles nur Show – der lügt uns an“. Du musst da meiner Meinung nach sehr realistisch reingehen und sagen „Wrestling ist in dem Sinne kein sportlicher Wettkampf“. Das ist der erste Punkt, den man meiner Meinung nach auch noch so offen darstellen soll. Denn der ist eine Stärke von Wrestling! Beispielsweise: Ich kaufe mir eine Karte für einen Klitschko-Kampf, dann kann mir das passieren, dass das Ding in 30 Sekunden vorbei ist. Das wird mir im Wrestling in der Regel nicht passieren. Ich werde beim Wrestling zwei Leute haben – oder vier oder sechs oder was auch immer –, die versuchen, dir einen Main Event zu geben, für den ich bezahlt habe. Das heißt, ich kriege was für mein Geld. Das ist ein großer Vorteil von Wrestling in der Regel. Zum anderen finde ich es wichtig, dass ein Wrestler sehr ernsthaft als Sportler wahrgenommen wird. Denn Wrestler sind keine reinen Stuntmen, die auf riesige Matten fallen. Wenn ich zu einer Stuntshow gehe, schlagen die sich einen halben Meter am Kopf vorbei, dann wird ein Geräusch eingespielt aus dem Mikrofon, dann fallen die fünf Meter auf eine Weichbodenmatte und machen das Ganze danach noch zweimal. Wenn du dir einen Wrestler mit 40 anschaust, der ein paar Jahre lang ein paar Hundert Kämpfe gemacht hat, dann siehst du dem das an, dann merkst du dem das an.

Wrestling ist Kontaktsport, weil der Zuschauer den Anspruch haben muss, das glauben zu dürfen, was passiert. Und das ist gerne ein Geheimnis, das ich verraten kann: Wenn du versuchst, jemandem 20-mal so nahe du kannst ins Gesicht zu schlagen und das nicht vorbei gehen soll, weil die Zuschauer sonst gleich „Öhh, die schlagen ja daneben“ machen, dann wirst du ihn zumindest in verschiedenen Härtegraden treffen. Und wenn du zehn Suplexes nimmst, was nicht so selten ist, dann fällst du zehnmal auf einen Ring, der Holz, aus Eisen und aus einer kleinen Polsterung besteht. Und im Endeffekt hat das die körperliche Wirkung wie ein Autounfall mit Tempo 30. Das heißt, Wrestling ist ein Hochleistungssport im Sinne von dem, was die Jungs im Ring bieten. Das sind die beiden Sachen, die wahrgenommen werden müssen. Sportlicher Wettkampf sicherlich nein, aber zu sagen, Wrestler sind keine Sportler, das ist etwas, das nicht hinzunehmen ist. Zum anderen finde ich, dass jemand in die Halle geht, den Anspruch haben muss, in diesem Kosmos Wrestling aufgehen zu dürfen. Dann darf der Wrestler nicht nach dem Match hingehen zu den Fans und sagen „Tut eh nix weh“. Ist zum einen gelogen und zum anderen ist es falsch: Der Wrestler hat zumindest in der Halle seine Rolle als Pro-Wrestler darzustellen.

Die Fragen stellte Maik Hanke am Telefon.

Letzte Änderung am Freitag, 08 September 2017 22:29

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