Hall of History – 20 Jahre WWE Hall of Fame – André the Giant. Ein märchenhaftes Portrait

  • 01 Februar, 2013
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Manch wahre Geschichte klingt wie ein Märchen. Die Biografie von Profi-Wrestler André the Giant ist so eine. Ein Portrait zum 20-jährigen Jubiläum der WWE Hall of Fame.

Es war einmal ein Riese. Der lebte vor gar nicht allzu langer Zeit in einem Dorf. Er führte ein einfaches Leben, arbeitete auf dem Bauernhof der Familie. Das machte ihn aber nicht glücklich. Also zog es ihn eines Tages aus in die weite Welt. Er hatte Glück: Als Riese wurde er von allen Seiten bestaunt. Er wurde eine weltbekannte Attraktion. Was sich wie ein Märchen anhört, ist die Lebensgeschichte von André the Giant. André war Profi-Wrestler, ein so bekannter, dass ihm zu Ehren – genau heute vor 20 Jahren, am 1. Februar 1993 – eine Ruhmeshalle gegründet wurde. Aber wie sah Andrés Lebensweg eigentlich genau aus?


Gut in Mathe – und im Tor

André René Roussimoff wurde am 19. Mai 1946 im französischen Dorf Molien, etwa eine Autostunde von Paris entfernt, geboren. Sein Vater Boris war Bulgare und ist vor dem Krieg nach Frankreich emigriert. Er wurde Farmer. Die Familie lebte in einfachen Verhältnissen. Die Roussimoffs hatten fünf Kinder; der dunkelhaarig gelockte André war das mittlere. Aber etwas war anders bei ihm als bei allen anderen Menschen in seiner Familie: André wuchs extrem. Bereits im Alter von zwölf Jahren war er über 1 Meter 80 groß und über 100 Kilogramm schwer.

Seine Größe und Stärke kam bei den häuslichen Arbeiten auf der Farm sehr gelegen. Aber auch beim Fußballspielen. „Er war der Torwart“, erinnert sich Jacques Poulin, ein Freund aus Kindertagen. „Der Ball ging nie ins Tor, weil er so groß war. Er hechtete jedem Ball hinterher und hielt ihn jedes Mal.“ André habe gerne Spaß gehabt, sei ein ruhiges Kind gewesen. In der Schule war er gut in Mathe. Nach der achten Klasse brach er die Schule aber ab, weil er glaubte, ein höherer Abschluss sei nicht nötig, um auf einer Farm zu arbeiten.


Erste Schritte im Wrestling-Business

André arbeitete daraufhin als Farmer, Holz- und Fließbandarbeiter. Doch die Jobs machten ihn nicht glücklich. Er wollte die Welt sehen. Als André 18 war – und inzwischen 2 Meter 13 groß – hatte sich seine Bekanntheit seiner Größe wegen schon weit über die Grenzen des Dorfes bis nach Paris ausgebreitet. Ein Wrestling-Promoter wurde auf den jungen und noch nicht ausgewachsenen Riesen aufmerksam, der eine kräftige Statur hatte statt einer schlaksigen und Hände groß wie Teller. André und seine Eltern sahen die Chance auf ein glücklicheres und finanziell abgesichertes Leben.

André hatte keine Ahnung vom Wrestling. Es traute sich auch kaum einer mit einem Riesen zu trainieren, der seine eigenen Kräfte noch gar nicht einschätzen konnte. Seine Anfangszeit als Wrestler gestaltete sich demnach sehr schwierig. Ein französisch-kanadischer Wrestler namens Edouard Carpentier war es schließlich, der zustimmte und André trainierte. Er sah das Potential, das in André steckte, angesichts der Tatsache, dass es beim Wrestling ja um Show geht.

Und die Zuschauer liebten André, bereits beim ersten Mal, als er in den Ring stieg. Ein ungewöhnliches Gefühl für den jungen Mann, der es gewohnt war, ein Außenseiterdasein zu führen. André spürte, dass es seine Bestimmung sei, Wrestler zu werden. Die Liebe des Publikums zahlte er zurück: „Ich möchte einfach jeden glücklich machen“, sagte André mal.  Unter verschiedenen Namen trat André zukünftig auf und bereiste in den folgenden Jahren Europa und Afrika. André war eine Attraktion und verdiente gutes Geld. 1969 sollte es für André nach Amerika gehen, als „Coach“ Carpentier ihn für bereit hielt. Aber der hatte bereits einen Vertrag in Japan abgeschlossen.


Diagnose: Gigantismus

In Japan wurde André auch das erste Mal richtig von einem Arzt wegen seiner Größe untersucht. André leide an Akromegalie, eine Krankheit, die aufgrund einer Störung der Wachstumshormone die Körperglieder enorm wachsen lässt. Wird die Krankheit nicht vor dem Jugendalter erkannt, wenn das Knochenwachstum vollendet wird, nennt sich das Ergebnis Gigantismus. André war offiziell ein Riese.

Im Zusammenhang mit der Krankheit erfuhr André, dass er gerade mal eine Lebenserwartung von 40 Jahren habe. André war Anfang 20 und hatte sein halbes Leben schon hinter sich. André musste daraufhin doppelt so schnell leben wie andere Menschen. Sein Geld floss zu enormen Summen in Essen und Alkohol. Er steht nicht im Guinness-Buch der Weltrekorde, wird aber vielfach als größter Trunkenbold aller Zeiten angesehen. Trunkenbold? Ach was, Säufer.


Der größte Säufer aller Zeiten

„Keinen anderen Menschen kann man als Trinker mit André vergleichen“, schreibt Richard English in seinem Text „The Greatest Drunk on Earth“. „Er ist der Zenit. Er ist der Mount Everest des Rausches“. Weiter heißt es, dass André jeden Tag 7000 Kalorien nur durch alkoholische Getränke zu sich genommen habe. Unterschiedliche Menschen, die mit André getrunken haben, berichten: Der Mann konnte an einem Abend über 100 Flaschen Bier trinken. Eine andere Anekdote besagt, dass André einst unterwegs zu einer Show 16 Flaschen Wein geleert haben soll. Anschließend ist er natürlich noch in den Ring gestiegen. Angemerkt habe man ihm nichts.

Die Frauen liefen André weltweit hinterher, doch er hatte nur eine ernsthaftere Beziehung. Aus der ging sogar eine Tochter hervor. André kannte sie aber kaum. Der Riese galt als einsamer Mensch. In Bars konnte er sich immerhin mit anderen Menschen treffen und mit ihnen einen netten Abend verbringen. Er verdiente zumeist deutlich mehr als seine Kollegen, aber es war ihm keiner deswegen böse gesonnen: André zahlte immer das Essen und Trinken der Leute, mit denen er unterwegs war. André war beliebt. Er war ein netter Riese. Doch im Suff sollte man sich besser nicht mit ihm anlegen. Einmal saß er mit drei Wrestlern – Ric Flair, Blackjack Mulligan und Dick Murdoch – am Tisch, die Runde balgte sich im Spaße und André bekam einen Hieb ab. Die Situation eskalierte und André hätte Mulligan und Murdoch, beides kräftige Männer, anschließend fast in einem See ertränkt. Flair konnte ihn abhalten. Da keiner weiteren Streit suchte, wurde dann nur über die Situation gescherzt.


Main-Stream-Bekanntheit

Was macht André aber zur Legende im Wrestling-Business? André ging in die USA und wurde sofort ein Star. Im Wrestling-Business der 1970er Jahre hatte eigentlich jede Promotion ihr Territorium. André wurde hingegen im ganzen Land gebucht. Das gab es in den 70ern bislang nicht. Ein Wrestler bekam Mainstream-Publicity. Das lag aber auch daran, dass so ein unbesiegbarer Gigant schnell an Reiz verlieren würde, wenn man ihn zu oft sieht. Daher musste André möglichst an unterschiedlichen Orten auftreten.

André wurde wortwörtlich die größte Attraktion im Business und sorgte für volle Hallen. Vince McMahon Sr. nahm ihn schließlich für seine World Wide Wrestling Federation (WWWF, heute WWE) unter Vertrag und gab ihm dort erst den Namen „André the Giant“. Die Company wurde dann unter Vince Jr. in neue Sphären gehievt wurde, als der das System der Territorien untergrub und eine herausragende Stellung mit seinem Unternehmen einnahm. André war tragender Pfeiler der Promotion. Seine Berühmtheit reichte aber auch über die Wrestling-Welt hinaus: Er spielte in Filmen und TV-Serien mit. Besonders die Rolle in Rob Reiners „The Princess Bride“ bleibt in Erinnerung. Andrés größter Moment im Ring sollte hingegen erst gegen Ende seiner Karriere folgen.


„The irresistible force meets the immovable object“

1987. WrestleMania III. Pontiac Silverdome. Geschätzte 78 000 Zuschauer. Es sollte die größte Show aller Zeiten werden. Mit dem größten Main Event überhaupt. Auf der einen Seite stand jemand, der seit Mitte der 80er Jahre der Wrestling-Star schlechthin war und Wrestling zur Popkultur avancieren ließ: Hulk Hogan. Sein Gegner sollte André the Giant werden, damals aber schon kaum noch aktiv. Sein stark zunehmendes Gewicht und seine Krankheit zeichneten ihn. Vince McMahon besuchte André und erzählte später, dass es ihm schien, dass André bereits einen Platz zum Sterben suche. McMahon konnte ihn aber überzeugen, dass noch ein großer Auftritt in ihm stecke. André wurde als unbesiegbar scheinender Bösewicht ins Match gegen Hogan geschickt.

Klar, Wrestling ist gescriptet. Die Sieger stehen vorher fest und die Art und Weise des Sieges ebenso. Hogan sollte bei WrestleMania III siegen, doch er war skeptisch vor dem Match. Würde André da wirklich mitziehen? Schließlich musste der praktisch nie verlieren. Würde André das wirklich für ihn tun? Was ist, wenn André im Ring seine Meinung ändert? Nun, dazu kam es nicht. Im Gegenteil. André war dafür verantwortlich, dass „Hulkamania“ noch stärker boomte als je zuvor. Als es in die Schlussphase des Matches ging, forderte André Hogan auf, ihn auf die Matte zu slammen. Hogan hob den über 200 Kilogramm schweren Koloss aus und schmiss ihn mit einem Bodyslam auf den Ringboden. So etwas gab es noch nie – die Zuschauer drehten völlig durch. Hogan siegte nach dem anschließenden Leg Drop. Auch symbolisch hatte dieser Sieg eine hohe Bedeutung: Es war die Fackelübergabe vom ehemaligen an den neuen größten Star im Business. Dieser Bodyslam gilt heute noch vielfach als vielleicht größter Moment der Wrestling-Geschichte.


In einer Januarnacht

André durfte zwar 1988 noch zum ersten Mal den größten Preis im Geschäft, den WWF Title, erringen, doch man konnte nicht mehr langfristig mit ihm planen. In einem fast schon legendären Angle „verkaufte“ André den Titel an „Million Dollar Man“ Ted DiBiase. André, den man auch „the Eighth Wonder of the World“ nannte, trat daraufhin zwar noch eine Weile weiter an, doch sein gesundheitlicher Zustand verschlechterte sich drastisch. Er hatte immense Schmerzen, konnte sich kaum noch bewegen. Aber er beschwerte sich nicht laut.

Anfang 1993 reiste André nach Frankreich, um seinen Vater zu beerdigen. Nur wenige Tage später, am 27. Januar, starb André selber in einem Pariser Hotelzimmer an Herzversagen. Er schlief nachts ein und wachte am nächsten Morgen nicht mehr auf. Er wurde 46 Jahre alt. Es war Andrés Wunsch, dass sein Körper nach dem Tode verbrannt und auf seiner Ranch in North Carolina verteilt werde.


Die Gründung der Hall of Fame

Die Wrestling-Welt reagierte mit tiefer Trauer auf den Tod Andrés. Nur fünf Tage später wurde zu seinen Ehren die WWE Hall of Fame gegründet. André war ihr erstes und einziges Mitglied im Jahr 1993. Inzwischen trägt die Institution fast 100 Mitglieder. Eine Festivität gab es anders als heute allerdings nicht. André Roussimoff war kein herausragend guter Athlet, er war kein guter Talker, aber er hatte eine Präsenz. Er war der erste internationale Wrestling-Star und ein richtiger Kassenschlager bei den Live-Events. Er war eine Attraktion. Um es mit den Worten des ehemaligen Wrestlers und Funktionärs Gorilla Monsoon zu sagen: „André the Giant was the most recognizable sports figure of the 20th century. Along with – of course – Muhammad Ali.” Und wenn die Erinnerungen noch nicht gestorben sind, lebt André der Riese noch heute.

Wie seht ihr André the Giant? Welche Bedeutung hat er für euch? Hat jemand von euch seine aktive Zeit schon miterlebt? Berichtet uns – wir sind gespannt! Schreibt mir unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, postet ins Forum, bei Facebook oder Twitter. Vielen Dank für die Aufmerksamkeit!

Letzte Änderung am Mittwoch, 15 Januar 2014 19:45

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