Zum 100. Geburtstag von Lou Thesz: Der altmodische Pionier

  • 24 April, 2016
  • geschrieben von 
  • Gelesen 1981 mal
  • Artikel bewerten
    (0 Stimmen)

Es heißt, wenn man als Sportler in eine Ruhmeshalle aufgenommen wird, hat man es endgültig geschafft. Aber was ist, wenn gleich eine ganze Ruhmeshalle nach einem benannt wird? Diese Ehre wurde einem Mann zuteil, der als Pionier seiner Zunft, dem Wrestling, gilt. Er war der Superstar in einer Ära, als der Sport noch wichtiger war als die Show: Lou Thesz. Heute wäre er 100 Jahre alt geworden.

Lou Thesz - Foto: Professional Wrestling Hall of Fame via Wikipedia

Im Wrestling-Slang nennt man einen Lou Thesz einen Hooker. Er war einer, der im Show-Sport ernst machen konnte. Thesz war ein Ringer, Wrestling war bei ihm nichts als Sport. „I am a wrestler. Not a wrassler, not a clown. A wrestler“, sagte er einmal. Wrestling hatte bei Thesz auch immer etwas mit Würde zu tun. Dabei mögen ihn manche bereits auf dem Zenit seines Schaffens für altmodisch gehalten haben.

Im Ring konnte Lou Thesz alles

Als Lajos Tiza von ungarisch-stämmigen Eltern am 24. April 1916 in den USA geboren und später in Aloysius Martin Thesz umbenannt, begann Lou Thesz seine Karriere in den frühen 30er-Jahren. Unter die Fittiche genommen wurde Thesz von einem anderen Pionier der Szene: Ed „Strangler“ Lewis. „Ed hatte die Magie. Ich nicht. Ich war nur ein Kind“, sagte Thesz einmal. In der Anfangszeit verdiente das hochgelobte Talent gerade einmal fünf Dollar pro Match.

Bereits nach einigen Jahren war er eine Ikone für seine Kollegen. Denn Thesz konnte im Ring alles. Nun, keine Saltos oder sonst irgendwelche waghalsigen Sprünge, und erst recht keine grotesken Schläge mit Stühlen oder Mülltonnen. Sondern Griffe, Würfe, Konter. Außerdem entwickelte er viele Aktionen, die heute zum Standardrepertoire vieler Wrestler gehören: etwa Suplex-Varianten, Frühformen der Powerbomb, den STF und natürlich den Lou Thesz Press. Thesz wirkte nicht authentisch. Es war es.

Der Alfredo Di Stéfano des Wrestlings

Wenn man Thesz zum besseren Verständnis mit jemandem aus dem Fußball vergleichen möchte, wäre er wohl der Alfredo Di Stéfano der Wrestling-Szene. Ein Pionier der modernen Ära, ein Gentleman außerhalb des Rings, und mit dem sich früh lichtenden Haupthaar war er dem Argentinier auch optisch nicht ganz unähnlich. Di Stéfano ließ Real Madrid „Weißes Ballett“ auf grünen Rasen zaubern, und bei Thesz hatte auch das vermeintlich anrüchige Wrestling etwas Ästhetisches. Dass beide reihenweise Titel abräumten, versteht sich von selbst.

Bereits 1937 wurde Thesz erstmals World Champion – vielleicht muss man bei ihm noch Weltmeister sagen –, als jüngster der Geschichte mit 21 Jahren. Sechs Mal trug er das große Gold, dreimal offiziell die NWA World Heavyweight Championship. Bis heute hält er den Rekord für die längste Zeit als NWA Champion: 3749 Tage. Und der Rubel rollte beim Star der Szene. Er soll nach einigen Jahren zeitweise bis zu 300.000 Dollar im Jahr verdient haben. Ende der 40er lebte er in einem Hotel am Strand in Los Angeles, in den 50ern leistete er sich ein schickes Anwesen. Thesz soll bekannt dafür gewesen sein, große Grillfeste zu schmeißen.

Das moderne Wrestling wurde ihm zu albern

Als die Bilder in den 50er-Jahren das Laufen lernten, war Wrestling ein leicht übertragbares und beliebtes Programm im Fernsehen. Statt Jahre dauerte es nur noch Wochen, um jemandem beim Publikum „over“ zu bringen. Während die anderen Stars zunehmend Showman wurden, blieb Thesz bei dem, was er am besten konnte: ringen, wrestlen. Thesz trat gegen alle damaligen Größen der Szene an: Gorgeous George, Buddy Rogers und Jim Londos, Verne Gagne und Antonino Rocca. Außerdem wagte Thesz den Sprung über den großen Teich, rang in Japan mit Rikidozan und dem jungen Antonio Inoki.

Mit dem sich modernisierenden bunten Wrestling konnte Thesz allerdings nie etwas anfangen. Spätestens als immer mehr Wrestler Gimmicks bekamen und sich die unterschiedlichsten Matcharten entwickelten, hatte Thesz den Anschluss an die Entwicklung verloren. Weil er ihn verlieren wollte. Wrestling wurde ihm zu albern. Er glaubte, wenn sich die Leute daran erst einmal gewöhnt hätten, habe bald niemand mehr Interesse an einem echten Wrestling-Match beziehungsweise Ringkampf.

Seine Ehefrau sagt: „Wrestling ist, wer und was er ist“

Thesz blieb Wrestler – eine sehr lange Zeit sogar noch. Sein letztes Match bestritt er Ende 1990 mit 74 Jahren in Japan gegen den aufstrebenden Masahiro Chono. Damit trat Thesz in insgesamt sieben verschiedenen Dekaden an – weltweiter Rekord. Zur Legende war Thesz aber schon lange vorher geworden. Die National Wrestling Hall of Fame in Waterloo (Iowa) trägt mittlerweile den Namen George Tragos & Lou Thesz Professional Wrestling Hall of Fame. Außerdem wird dort jährlich der Lou Thesz Award verliehen.

Thesz, der jahrelang Vorsitzender des bekannten Cauliflower Alley Clubs war, selbst ist Mitglied in etlichen Ruhmeshallen. 2016 nahm ihn auch Marktführer WWE posthum in den „Legacy-Wing“ der WWE Hall of Fame auf. Lou Thesz starb am 28. April 2002, nur vier Tage nach seinem 86. Geburtstag. Kurz zuvor waren bei einer Bypass-Operation Komplikationen aufgetreten.

Seine Ehefrau Charlie brachte in einer Dokumentation die Legende von Lou Thesz mit einem passenderweise simplen Satz auf den Punkt: „Wrestling ist, wer und was er ist.“

Letzte Änderung am Samstag, 09 September 2017 20:38

Kalender

« August 2020 »
Mo Di Mi Do Fr Sa So
          1 2
3 4 5 6 7 8 9
10 11 12 13 14 15 16
17 18 19 20 21 22 23
24 25 26 27 28 29 30
31