Hankes Standpunkt: Zum Ende der Streak

  • 09 April, 2014
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Als ich auf den Bildschirm schaute und in die leeren Gesichter mit den weit aufgerissen Augen und noch den offeneren Mündern schaute, glaubte ich, ich blicke in einen Spiegel. Denn ich saß genauso da. Ich konnte nicht, wollte nicht glauben, was ich sah. Schock und Enttäuschung hatten sämtliche Emotionskapazitäten eingenommen. Selbst für Wut war kaum Platz. Brock Lesnar hatte gerade die legendäre WrestleMania Streak des Undertakers gebrochen. Aus 21:0 wurde nicht 22:0. Nun hieß es 21:1. Wie Paul Heyman sagte: Die kleinste Ziffer ist zur größten geworden.

Ist es nicht das schlimmste aller Gefühle, wenn man weiß, dass etwas Schreckliches nie mehr rückgängig zu machen ist? Selbst wenn man nicht einmal verantwortlich für das Geschehene ist. Ohnmächtig war man der Entscheidung der WWE-Verantwortlichen ausgeliefert. Irgendwas stimmte nicht mit der Welt und es fühlte sich schlecht an. Als Brock Lesnar den Undertaker bis drei unten hielt, hatte man die Streak vernichtet.

Unwiderruflich.

Die Streak ist tot und ein Teil in vielen Fans starb mit ihr. Ein Stück Geschichte starb mit ihr. Niemand auf Gotts grüner Erde hätte damit gerechnet. WWE hatte den Überraschungseffekt auf ihrer Seite. WWE hatte die Aufmerksamkeit der Massenmedien. Und WWE hatte etwas Historisches geschaffen. Hat WWE nicht alles richtig gemacht? Nein! Denn der größte WrestleMania Moment aller Zeiten ist gleichzeitig der unrühmlichste. Meine heißgelaufenen Synapsen sind heute zwar langsam abgekühlt und irgendwie wirkt das Ende im Nachhinein fast faszinierend, aber aus meiner Sicht war es die größte Fehlentscheidung, die WWE jemals getroffen hat.


Sieg und Niederlage

Im abgesprochenen Pseudo-Sport namens Wrestling sind Sieg und Niederlage nur von begrenzter Bedeutung. Doch bei der WrestleMania Streak des Undertakers geht es genau darum. Auch wenn es dabei scheinbar immer mehr um Sieg als um Niederlage ging, waren die Matches des Deadmans bei der Showcase of the Immortals immer die meisterwarteten. Das Ergebnis schien zwar immer klar. Aber die hochspannenden Matches der vergangenen Jahre versetzten selbst erfahrene Fans zurück in den affektiven Fan-Typus des Marks. Man lässt sich entführen in eine fremde Welt und fiebert mit.

Das Match zwischen dem Undertaker und Brock Lesnar schien auf dem Papier eine klare Angelegenheit zu sein. Nichts sprach dafür, dass dieses Mal die Streak gebrochen werden könnte. Lesnar hatte seit seinem Comeback eine gerade mal ausgeglichene Sieg/Niederlagen-Bilanz. Der Taker hatte aus einer Fehde von vor Jahren noch eine offene Rechnung mit Lesnar zu begleichen. Und was könne jetzt schon passieren, wenn der Taker selbst gegen Shawn Michaels und Triple H hoch bedeutsame Matches gewinnen konnte? Es sah, wie im Vorjahr gegen CM Punk, nach einer Zwischenstation für den Demon from Death Valley aus.

Man hatte doch die Wahl!

Dieses Mal gelang es mir weitgehend, den Kopf angeschaltet zu lassen: Ich wusste, dass der Taker nach dem ersten und zweiten F-5 auskicken wird. Ich gebe zu, beim zweiten hat es etwas gekribbelt. Aber ich hatte vermutet, dass der Unbesiegbare auch nach einem dritten Finisher seines Gegners noch einmal hochkommen würde, war er doch bei den vergangenen WrestleManias auch reihenweise nach Finishern ausgekickt. Der Kickout nach einem dritten Finisher wäre dann ja fast die logische Steigerung. Dann zog Lesnar den dritten F-5 durch und schulterete den regungslosen Deadman.

Ich sehe mich als einen der ärgsten Verteidiger der Streak. Meiner Meinung nach hätte die Streak nie gebrochen werden dürfen. Warum kann ein einzigartiger Mythos nicht einfach in Ewigkeit bestehen bleiben? Beim Wrestling hat man doch die Wahl! Aber im Wrestling hat Geschichte, ebenso wie Sieg und Niederlage, nur einen überschaubaren Wert: Denn mit etwas Vergangenem lässt sich irgendwann kein Geld mehr verdienen. Blöd ist bloß: Jetzt hat man für alle zukünftigen WrestleManias einen riesigen Kaufanreiz für immer verloren. Die Leute kommen und kaufen doch wegen des Undertakers. Selbst wenn der Sensenmann noch Matches gegen John Cena und Sting bestreiten sollte – es wäre nicht mehr dasselbe.


Gegner, Story und Match – alles daneben

Ich nenne drei weitere Gründe, warum das Ende der Streak gegen Brock Lesnar ein dicker Patzer war. Denn man hat hier alles falsch gemacht. Es war ein unwürdiges Ende.

1. Der falsche Gegner
Ich halte es für verkehrt, Part-Timer Brock Lesnar die Ehre, die Streak brechen zu dürfen, zukommen zu lassen. Wie lange wird Lesnar davon wirklich etwas haben? Wie lange wird ein Söldner, der sich offenbar nicht so wirklich mit WWE identifiziert, noch im McMahon-Land umhertreiben? Vince McMahon wird sich immer vorhalten lassen müssen, den Superstar, der die Streak brach, in seinen besten Jahren nicht gehabt zu haben. Das gleiche hätte übrigens auch für Sting gegolten.

Wer besser gepasst hätte? Ich bin niemand, der sagt, dass es unbedingt ein Jungstar sein müsse, wenn jemand die Streak brechen soll. Sicher wäre das der größtmögliche Push. Aber pushen kann man jemanden auch anders. Man weiß ja nicht, was mal aus demjenigen wird. Mit Pech hat man die Streak an einen Versager verschwendet. Trotzdem wäre Ted DiBiase Jr. ein spannender Name gewesen: Sein Vater, der Million Dollar Man, hatte den Undertaker damals in die WWE gebracht – er wäre dann für sein Ende verantwortlich gewesen. Aber dafür muss man auch nicht WrestleMania wählen. Die Survivor Series als aller Anfang des Takers hätte sich fürs Ende angeboten. Ansonsten wäre jemand mit einer jetzt schon tieferen Beziehung zum Undertaker vielleicht besser gewesen. Kane steht da natürlich an Nummer eins. Aber ich bleibe dabei: Die Streak hätte gar nicht enden dürfen.

2. Eine nichtssagende Story
Selbst wenn man akzeptiert, dass es Brock Lesnar sein soll, hätte man doch wenigstens eine gute Story aufbauen können. In dieser Fehde wurden lediglich Chokeslam, F-5 und eine Handvoll Phrasen ausgetauscht. Ohne jegliche Tiefe. Das Ende der unendlich wertvollen Streak schien mit so einem dünnen Aufbau undenkbar. Keiner war vorbereitet. Und das Match war nicht einmal der Main Event. Durch dieses komplett unvermittelte Ende war es natürlich ein besonders dicker Schocker. Aber wäre der nicht ähnlich groß gewesen, hätte man einen vielschichten Aufbau mit Symbolcharakter und einer Prise Meta-Ebene dargeboten?

3. Ein schlechtes Match
Hätte wenigstens das Match gestimmt! Leider war das zu allem Überfluss aber auch überhaupt nicht gut. Es war sehr zäh, es kam kaum ein Fluss zustande. Gerade das waren ja eigentlich immer Qualitätskriterien der vergangenen Taker-Mania-Matches und daher behaupte ich, es lag nicht nur am Undertaker. Dem hatte man die vorigen Jahre schon immer nachgesagt, er könne mit seinem lädierten Körper nix mehr – und dann hat er immer wieder alle Kritiker eines besseren belehrt. Ich behaupte, es lag mindestens genauso sehr an Lesnar. Der Beweisführung dient beispielsweise das lahme Match bei WrestleMania 29 gegen Triple H.

Es heißt, dass das Finish des Matches möglicherweise vorgezogen wurde, weil der Taker sich verletzt habe. Damit hätte sich wohl auch die im Vorfeld von vielen geäußerte Befürchtung bestätigt, dass Lesnar den Taker im Match zu hart angeht.


Thank you, Taker!

Die Niederlage des Undertakers. Das Ende der Streak. Einem Nicht-Wrestling-Fan ist es kaum klarzumachen, was das bedeutet. Im Fußball oder in anderen Sportarten gab es in der Geschichte zwar auch immer wieder äußerst schmerzliche Niederlagen. Aber Titel kann man immer wieder gewinnen. Die WrestleMania Streak ist einzigartig – und die Niederlage ist mehr als ein Schönheitsfleck in einer unfassbaren Bilanz.

Warum sollte es hier enden? Ist der Undertaker tatsächlich zu keinem weiteren WrestleMania-Match mehr in der Lage? Hat er einfach keine Lust mehr und wollte einfach nur noch, dass es endlich vorbei ist? Es war die Entscheidung des Undertakers. Ohne sein Ok wäre es nie dazu gekommen. In diesem Gedanken lässt sich wenig Trost finden. Der Undertaker wollte es so.

Auch wenn die Streak jetzt gebrochen ist: 21 Siege in Serie können ihm keiner mehr nehmen. Nicht ihm und nicht uns. Die Streak wird immer einzigartig bleiben. Thank you, Taker!

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