"Grandioses Dreierpaket": Review zu NJPW Wrestle Kingdom 10

  • 09 Januar, 2016
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Wrestle Kingdom 10, die größte Show des Jahres von New Japan Pro Wrestling (NJPW) ist Geschichte. Und immer noch hochaktuell - dank der Spekulationen über ein mögliches Engagement von AJ Styles und Shinsuke Nakamura bei der WWE. Bei Wrestle Kingdom haben die beiden jedenfalls die Hütte abgerissen. Mehr zu ihrem Match und allen anderen im großen Review - zusammen mit unserem Japan-Experten Tanaka aus dem Forum.

Four Way Tag Team Match
IWGP Junior Tag Team Championship
ReDRagon (Kyle O'Reilly & Bobby Fish) (c) vs. The Young Bucks (w/Cody Hall) vs. Matt Sydal & Ricochet vs. Rocky Romero & Trent Beretta

Maik: Das Match hat mich ein klein wenig enttäuscht. Eigentlich mag ich Multi-Team-Spotfeste mit Teams wie diesen, aber das hier kam etwas schwer in Fahrt. Gerade zu Beginn hätte ich mir mehr Tempo gewünscht, später ein wenig mehr Überraschungsmomente und abgefahrene Team-Manöver. Klar hatte das Match wieder ein paar Aktionen, die ich so noch nicht gesehen habe, und es war ja auch so ganz kurzweilig, aber so etwas wie Spannung wollte auch kaum aufkommen.

Tanaka: Kann man überhaupt in einem Multi-Man-Spotfest mit vier Teams so etwas wie Spannung aufbauen? Es war das, was es war und was ich erwartet habe – ein Multi-Man-Spotfest, nur diesmal in der ersten Hälfte etwas langsamer geworkt und am Ende mit mehr Reaktionen von der Crowd als sonst – Ricochet sei Dank. Die Young Bucks brauche zwar nicht unbedingt wieder als Champions, aber was soll man machen. Solider Start in die Show.

NEVER Openweight Six Man Tag Team Championship
The Bullet Club (Yujiro Takahashi & Bad Luck Fale & Tama Tonga) vs. Toru Yano & The Briscoes

Maik: Kein großes Highlight, bei dem Spot auf der Card natürlich nicht verwunderlich. Die Briscoes bei New Japan sind jedenfalls ein totaler Kulturschock. Dass die die Titel gewinnen, hätte ich nicht gedacht. Also demnächst noch mehr Redneck-Alarm im Land der aufgehenden Sonne.

Tanaka: War okay. Mark hat sich hier den Hintern abgeworkt, Jay brachte etwas Star-Charisma mit, Yano war der üblich unterhaltsame Troll und der BULLET CLUB hat hier mal so gar nichts geleistet. Von Yujiro kennt man ja nichts anderes, aber von Fale und besonders Tonga nach seiner großen Promo bei der Show am 3. Januar war ich hier echt enttäuscht, da hätte viel mehr von ihm kommen müssen. Naja, immerhin hat Yano jetzt einen Titel. Insgesamt würde ich eher empfehlen, das NEVER Six-Man von der New Year Dash Show am nächsten Tag zu sehen, das war eine ganze Ecke besser und runder.

ROH World Heavyweight Championship
Jay Lethal (c) (w/Truth Martini) vs. Michael Elgin

Maik: Wie Tanaka vorhergesagt hat, war das ein netter Midcard-Füller. Als Match drei auf der Card konnte man hier aber natürlich auch keinen ROH Main Event raushauen, oder so. Konnte man sich angucken, wirklich zum Mitfiebern war es nicht. Das Finish mit dem Cheap Shot war mir ein wenig zu blöde, zu Standard, zu… amerikanisch. Die Lethal Injection ist optisch allerdings ein feiner Move.

Tanaka: War zum Teil gut. Elgin wirft seinen Gegner durch den Ring und in Japan passt das perfekt und ist echt unterhaltsam. Lethal dagegen hat hier irgendwie wenig gerissen. Er wirkte blass und workte eher ein ROH TV Match mit Fuck-Finish am Ende. Für den Dome leider viel zu wenig, auch das Finish mit dem Buch war richtig, richtig billig und flach und zieht das Match nochmal unnötig herunter. Die Lethal Injection ist übrigens ein richtig dämlicher Finisher und macht in NJPW noch weniger Sinn als vorher.

IWGP Jr. Heavyweight Championship
Kenny Omega (w/The Young Bucks) (c) vs. KUSHIDA (w/Doc Taguchi)

Maik: Kenny Omega ist einfach der Wahnsinn. Der Typ war für mich sowieso eine der Entdeckungen des vergangenen Jahres und das hat er hier wieder untermauert. Omega kann im Ring eigentlich alles: ringen, kicken und striken, sogar fliegen (der Mülltonnen-Moonsault von der Ringabsperrung!). Dazu hat er noch eine Präsenz. Er hat vielleicht ein bisschen was vom jungen Brock Lesnar: ein Typ, der seine eigene Kraft noch gar nicht unter Kontrolle hat. Omega hat unendliches Potential, man muss ihn nur von der Leine lassen. Aber so wie ich es mitbekommen habe, ist genau das passiert in der Nacht nach Wrestle Kingdom 10… Wenn er jetzt in die Heavyweight Division aufsteigt, muss er nur noch seine Comedyhaftigkeit ablegen. Noch zum Match: Sehr schickes Match, sehr kurzweilig. Wenn man Kushidas Geschichte anguckt, wie von Tanaka im Vorfeld geschildert, war sein Titelgewinn zu erwarten – und genau richtig. Bin sonst kein großer Freund von Einroller-Finishes bei Titelgewinnen, aber das konnte man hier gut so machen, fand ich. Auch Taguchi als Doc-Brown-Verschnitt gefiel mir ganz gut. :D

Tanaka: Nachdem schon im Jr. Tag und im Six-Man die Heels am Anfang die Faces hinterrücks attackierten hat das hier zum dritten Mal schon ziemlich genervt. Coole Entrances, KUSHIDA mit Doc Brown, Omega im Terminator Style. Das Match selber war sehr gut, als Eingriffe aufhörten, Doc Brown die Bucks vertreibt und die beiden ihr üblich starkes Back and forth Wrestling mit der Armbearbeitung, die Omega fantastisch gesellt hat, brachten, waren ich und die Crowd komplett drin und erfreut, als KUSHIDA Omega einrollen konnte. War am Ende erstaunt, dass die beiden nur 13 Minuten hatten, haben viel daraus gemacht. Jetzt führt bitte KUSHIDA die Jr. Division zu neuem Glanz und Omega wirbelt die Heavyweight Division auf.

IWGP Heavyweight Tag Team Championship
Bullet Club (DOC Gallows & Karl Anderson w/Amber O'Neal) (c) vs. vs. Tomoaki Honma & Togi Makabe

Maik: Das Match war ok, und hier hat man tatsächlich gemerkt, es geht um Honma, den Loser auf dem aufsteigenden Ast, der seinen ersten Titel gewinnen sollte. Der Titelwechsel war also zu erwarten. Aber ich bin der Auffassung: Honma hätte auch den entscheidenden Move und das Cover machen müssen. Das hätte niemandem geschadet, dafür aber die Geschichte rund gemacht.

Tanaka: Das eigentliche Problem am Finish war eher, dass Makabes Musik, aufgrund Copyright-Problemen gemutet werden muss und man so leider nicht den großen Honma voll und ganz genießen konnte. Sehr schade, so fand ich aber das Match richtig, richtig gut und es war die bisher beste Leistung von Gallows und Anderson als Team. An sich keine spektakulären Moves oder so was, aber ein richtig schönes und gutes altes Tag Team Match. Die Heels gehen auf Makabes Glaskinn, wodurch Honma die Zügel des Teams in die Hand nehmen muss und wieder kämpft wie ein Irrer. Honma und Anderson arbeiten den Hauptteil des Matches und liefern sich immer wieder gute Phasen, während Gallows und Makabe sich immer wieder gut und clever einbringen, dazu das Feel-Good-Finish und ein Honma mit Titel-Gold um die Hüften als großartigen Anblick. Hätte man in der Form wohl kaum besser machen können und war genau das, was es sein sollte.

Tetsuya Naito (w/Los Ingobernables) vs. Hirooki Goto

Maik: Irgendwie ist dieses Match total an mir vorbeigegangen. Ich hab mich nur ziemlich gewundert, dass Goto gewonnen hat. Der wirkte auf mich wie ein austauschbarer Midcarder ohne Ambitionen, während Naito mit seiner Vorgeschichte derjenige zu sein schien, mit dem man etwas vorhat. Kann mir keinen Reim darauf machen.

Tanaka: Bevor ich zum Match komme, muss ich erst mal auf ein allgemeines Problem der Show, zumindest was die ersten zwei Drittel der Show angeht und diese ordentlich nach unten zieht und deutlich schlechter wirken lässt. Mit Naito/Goto gab vier Matches, die damit begannen, dass die Heels die Faces hinterrücks attackieren und fünf Matches, die Eingriffe und dergleichen beinhalten. Das ist viel zu viel, eigentlich komplett unnötig und nebenbei auch noch ziemlich faules Booking. So etwas hilft Matches im Einzelnen sowieso nur selten und hier hat es das Jr. Title und Goto/Naito, wo die Eingriffe noch recht gut in die ganze Story gepasst haben, noch zusätzlich geschadet, weil es vorher schon drei Matches mit Eingriffen und dergleichen gab. Das nervt nicht nur, sondern ist auch ermüdend und zieht den Gesamteindruck merklich herunter. Dazu hat man das gleiche Format wie letztes Jahr, wenig Schnörkel, einfach Match nach Match, was in Kombination damit das Ganze noch schlechter macht, obwohl man eigentlich kein schlechtes Match hat und für mich sogar zwei sehr gute. Da merkt man ganz, wie wichtig es ist, dass es nicht nur gute Matches am laufenden Band gibt, sondern diese auch aufeinander abgestimmt seien müssen, damit am Ende eine runde Show entsteht. Ist hier besonders schade, da es Wrestle Kingdom ist und NJPW so etwas eigentlich richtig gut kann.

Aber nun zum Match: Es war gut, es hat gepasst. Starker und langer Entrance von Naito mit weißen Anzug und super Kontrast zu Gotos No-Bullshit-Einzug. Die Eingriffe und das Finish passten zur Vorgeschichte, Naito bumpt wie ein Verrückter auf seinen Nacken und es gab hier und da gute Sequenzen. Gotos Sieg geht klar und war auch recht nötig, da er der logische erste Herausforderer auf Okadas Titel ist, nachdem er ihm im G1 neben Nakamura pinnen konnte. Naito schadet die Niederlage deutlich weniger, als sie Goto geschadet hätte. Sein neuer Charakter lässt so etwas auch problemlos zu, der Sieg war ihm egal. Er wollte nur auf großer Bühne zeigen, was für eine coole Truppe er hat und er wollte Goto in die Eier treten –  hat er gemacht, also konnte er mit einem Lächeln aus der Halle gehen. Es hat mich auch gefreut, wie groß und positiv die Reaktionen der Crowd auf ihn waren, als er angekündigt wurde. Kein Vergleich zu Wrestle Kingdom 8, wo er gegen Okada überhaupt keine Reaktionen gezogen hat. Überhaupt wird Naito wahrscheinlich nach der Tana-Story der nächste große Fehdengegner von Okada.

NEVER Openweight Championship
Ishii (c) vs. Katsuyori Shibata

Maik: Krasse Kiste von der ersten Sekunde an. Die beiden kloppen sich die Köppe ein, ganz einfach, weil alles andere unter ihrer Würde wäre. Gutes Ding! Nur manchmal fand ich die gegenseitigen Wer-kann-mehr-ab-Schlagabtäusche etwas in die Länge gezogen. Und auch das Finish war für meinen Geschmack etwas lahm. Die feuern sich die ganze Zeit die Tritte um die Ohren und so ein einfacher Running Kick vor die Brust ist dann das Ende? Naja. Diese Wrestling-Sache mit den Finishern und ihrer Glaubhaftigkeit gilt offenbar auch hier. Ist Shibata eigentlich einer, den man mal in wichtigere Gefilde hochziehen könnte?

Tanaka: Das Negative zuerst – das Match war so ein, zwei Minuten zu lang, ein One-Count gegen Ende hat durch den Referee leider kaum Wirkung gehabt, im Finish hat irgendwie Shibatas Sleeperhold oder GTS gefehlt, damit das Ganze nicht so anti-klimatisch herüber kommt und die Headbutts sind stark an der Grenze, die mussten nicht unbedingt sein. So Negatives abgehakt, ich habe dieses Match geliebt! Wunderbare Matchpsychologie für zwei Strong-Styles-Machos, die nicht dem gegenüber zugeben wollte, dass man Schmerz empfindet, wo die Seele einfach nicht aufgeben will, aber der Körper irgendwann sagt: Nein, es geht nicht mehr. Viele starke und unterhaltsame Phasen, beispielsweise, als sie sich abwechselnd hinsetzten und den anderen aufforderten, mit voller Wucht zuzutreten, oder der schnelle und harte Abtausch mit dem German Suplex, wo beide am Ende einfach zusammenbrechen und noch mehr. Wer im Entferntesten damit etwas anfangen, wird hier seinen Heidenspaß haben. Übrigens das Match, wo die Show von "Joa, ganz nett und gut" zu "fantastisch" wechselte.

Zu der Frage mit Shibata: Nachdem zwei der "Big Five" (Zur Info: Das sind Okada, Tanahashi, Nakamura, Styles und Ibushi) von NJPW nun wohl zur WWE gehen, sind nun zwei Plätze frei. Den Platz von Styles wird definitiv Omega einnehmen und den letzten werden wohl Naito und Shibata unter sich ausmachen. Aber ja, Shibata kann man in höhere und wichtigere Gefilde ziehen. Er ist sehr beliebt und durch seinen Stil und seine ganze Aura immer ein glaubhafter Contender für die beiden großen Titel. Wenn er irgendwann kein Freelancer mehr ist und bei NJPW offiziell unterschreibt und anfängt, das Löwenzeichen zu tragen, wird er höchstwahrscheinlich in den Himmel gepusht, und mit 99 Prozent Wahrscheinlichkeit wird aufgrund der Vorgeschichte der beiden, Tanahashi als erstes ankommen und für ihn jobben und ihn over bringen.

IWGP Intercontinental Championship
Shinsuke Nakamura (c) vs. AJ Styles

Maik: Was soll man sagen, natürlich ein Dream-Match. Styles und Nakamura mit vielen ihrer besten Moves, die Einbindung von Styles‘ Real-Life-Rückenverletzung war gut und die darauf aufbauenden Submission-Wechsel auch. Ich hätte mir nur ein klein wenig mehr Fluss, mehr Kombos und Konter gewünscht. So wie gegen Ende der großartige eingerollte Armbreaker, der von Styles kurz danach in den Styles Clash gekontert wurde. Ein Stückweit fehlten mir auch die Überraschungen. Ja, es gab einige dicke Nearfalls, aber irgendwie hab ich die Kickouts erwartet. Bin schon fest von Nakamura aus Sieger ausgegangen. Seine Boma Ye Knee Strikes waren in diesem Match übrigens der absolute Wahnsinn. Insgesamt ein richtig, richtig gutes Match. Und wahrscheinlich das Match der Show, das man sich später sicherlich nochmal angucken wird.

Tanaka: Wenn man das Match mit Ibushi/Nakamura vom letzten Jahr vergleicht, stinkt das hier natürlich etwas ab, was aber in erster Linie daran liegt, dass Ibushi/Nakamura eine Vorgeschichte hatte und dementsprechend mehr Emotionen und Attitude. Das Match hier war genau das, womit es beworben – ein Dream-Match. Zwei der Top-Stars von NJPW und besten Wrestler der Welt, die noch nie vorher gegeneinander angetreten sind, liefern sich auf großer Bühne ein Match auf Augenhöhe mit vielen Kontern, kleinen Kniffen, coolen Momenten und ohne einen wirklichen Fehler. Das, was dem Match am Ende nicht so gut wie die beiden Main-Matches letztes Jahr und dem Main Event dieses Jahr macht, sind die Emotionen und die große Geschichte, die hier einfach fehlen und vielleicht auch den Erwartungen geschuldet sind. Nichtsdestotrotz ein absolut fantastisches Match, an dem ich bis auf Genannte einfach nichts zu meckern finde.

IWGP World Heavyweight Championship
Kazuchika Okada vs. Hiroshi Tanahashi

Maik: Mein Match of the Night! Das letzte Kapitel ist geschrieben, und die Geschichte ist ausgegangen, wie sie ausgehen musste. Die Staffelübergabe ist geschafft. Es hat sich groß angefühlt. Und die Geschichte ist auch wunderbar geschrieben. Das Match hatte eine tolle erzählerische Dichte, hat sich wunderbar logisch aufgebaut, hat seine Fäden immer wieder aufgenommen und weitergesponnen. Besonders Okada hat auch super gesellt. An manchen Stellen hätte man das Ganze, vor allem das Basic Wrestling und manche Wiederholung, vielleicht noch etwas straffen können. Aber mir hat es gefallen, wie man dem Match Zeit gelassen hat, seine Geschichte(n) zu entfalten. Die Finish-Phase war schließlich sehr intensiv, bei allen – auch erwartbaren – Kickouts extrem spannend und eben so viel mehr als das übliche WWE-Finisher-Ausgekicke. Ganz großes Ding! Ganz nahe an der Perfektion!

Tanaka: Oh mein Gott! Ich weiß gar nicht wo ich hier anfangen soll. Zuerst einmal, das Videopackage fand ich großartig. Man versteht zwar nichts, aber wenn man die Vorgeschichte kennt und dann die Bilder mit der passenden Musik sieht, wirkte das schon ganz groß. Dann Okadas Einzug mit dem „technischen Fehler“. Alles dunkel, plötzlich Licht auf der Stage, wo Okada steht, er macht seine Rainmaker-Pose, Musik geht an, Lichtershow beginnt und Geld regnet vom Himmel. Ganz groß. Dann die Crowd, die für eine Dome Show sowieso schon erstaunlich laut den ganzen Abend war, fährt hier nochmal zwei Gänge höher und frisst den beiden komplett aus der Hand. Großartig.

Und dann das Match selbst – perfektes Match, perfekter Abschluss der vier Jahre andauernden Fehde. Es hab hier so viel zu entdecken, so viele Kleinigkeiten, so viele Emotionen, so viel Symbolik, so viel Dramatik. Für Leute, die diese Fehde seit Beginn an verfolgen, ein absoluter Traum. Die beiden kontern sich schon in den ersten 30 Sekunden aus, jeder einfache Move, jeder Trademark wird ausgekontert, weil sich die beiden nach sieben Singles Match und etlichen Tags mittlerweile auswendig kennen und in diesem großem letzten Match jede Bewegung zählt.

Tanahashi, der nach den letzten beiden Siegen gegen Okada im Dome weiß, dass seine Beinbearbeitung ihn zum Sieg führen wird und jede andere Taktik früher gegen Okada fehlgeschlagen hat. Okada, der sich die Beinbearbeitung beißt und diese ihm nach sieben Matches immer weniger Probleme bereitet und immer weniger Wirkung zeigt, und das zeigt er Tanahashi mit einem Mittelfinder in Form von Front Dropkicks, welcher er übrigens aus dem großen Tenryu-Retirement-Match übernommen hat, und einem Coast-to-Coast-Dropkick. Damit sagt Okada: „Damit besiegst du mich diesmal nicht!“ Besonders die Kameraarbeit beim Coast-to-Coast war grandios. Wie man hinter Tanahashi geschaltet hat und sehen konnte, wie Okada mit der Höhe und Härte das Leben aus Tanahashi dropkickt, war herrlich.

Dann auch die Geschichte rund um Tanahashis Texas Cloverleaf. Seit dem G1 besiegt Tanahashi Leute mit dem Cloverleaf, um Okada immer wieder zu zeigen – du weißt, wie ich dich letztes Mal besiegt habe, und ich werde es wieder so tun! Die Szenen, wie Okada gegen den ersten Ansatz ankämpft und im zweiten dann unglaublich leidet, und wie die Crowd darauf reagiert, sind grandios. Besonders der zweite Cloverleaf hatte noch zusätzlich so viel Bedeutung. Er setzt sich beim Ansatz auf ihn und betrachtet ihn dabei abwertend, er behandelte ihn in dem Moment wie einen Young Lion. Das war eine Szene, die man auch so in Matches zwischen Young Lions und erfahrenere Wrestlern sehen kann. Er hat ihm damit gesagt, dass Okada für ihn nicht mehr als Young Lion sei und er auch wie einer verlieren wird.

Und dann auch noch eine weitere Geschichte des Matches. Das war ein Match der misslungenen Big Plans. Nichts, was die beiden versucht haben, hat am Ende funktioniert, jede kleine Aktion wurde ausgekontert, Tanahashis Beinbearbeitung zeigte nicht die erwünscht Wirkung, Okadas Dropkicks zeigten nicht genug Wirkung, die Finisher brachten nicht das Ende, die Finisher des Gegners brachten nicht das Ende. Es war ein Match, das für die beiden alles bedeutete, und wo am Ende Entschlossenheit, Wille, Herz wichtiger waren als jeder Matchplan oder jede Taktik, die man sich ausdenken kann.

Am Ende als Tanahashi den Dropkick beim High Fly Flow abbekommen hat, konnte ich ihm richtig ansehen, wie er realisiert, dass er verloren hat, weil sein Körper am Ende ist und er keine Idee mehr hat, aber nicht aufgeben will, weil er ist das Ace ist und Okada nur ein Young Boy. Er versucht verzweifelt noch irgendetwas, aber er frisst den Dropkick, er frisst den German Suplex und als er den Rainmaker fressen soll, kommt noch ein letztes kleines Aufbäumen: Ein letztes Mal slappt er Okada ins Gesicht und zeigt, dass er Okada immer noch nicht respektiert. Und dann die wohl stärkste Szene des Matches, als beide nach dem Slap zu Boden gehen, Okada aber das Handgelenk weiter festhält und die Kamera ganz langsam darauf zoomt. Okada steht langsam auf, stößt einen letzten Schrei aus und verpasst Tana den Rainmaker. Und dann nochmal. Und wie er Nakamura 2014 im G1 Finale besiegt hat, wie er die Fehde mit Styles beendet hat, beendet er dieses Match mit einem dritten Rainmaker und besiegt damit das alte Ace. Perfekt.

Zwei Kleinigkeiten noch: Erstens, letztes Jahr als Tanahashi gewonnen hat und Okada unter Tränen die Halle verließ, sagte Tana zu Okada: „Der IWGP-Titel ist für dich noch in ganz weiter Ferne, Okada!“ und ärgerte ihn damit noch extra. Okada dieses Jahr sagte Folgendes: „Wäre der Titel nicht in so weiter Ferne, hätte ich nicht so stark kämpfen müssen. Du warst sehr stark, Tanahashi!“ In Japanisch haben übrigens beide Sätze den gleichen Anfang, weswegen die Crowd bei Okada für einen Moment gedacht hat, dass dieser jetzt Tanahashi runtermacht, wie dieser ihn letztes Jahr. Stattdessen hat er ihm Respekt gezollt, was Okada nochmal zusätzlich stärkt und als das neue Ace positioniert. Und zweitens trägt Tanahashi normalerweise auf seiner Hose das Wort ACE, bei der New Year Dash Show nach Wrestle Kingdom war es weg. Schönes kleines Detail.

Allgemeines:

Maik: Eine Show, die von den drei letzten Matches lebte. Die Under- und Midcard hat mich dieses Mal irgendwie nicht so ganz vom Hocker gehauen, die Schlussmatches waren aber echte Kracher. Insgesamt eine sehr empfehlenswerte Show. Ich hab die Show übrigens mit englischem Kommentar gesehen. Matt Striker ist wieder etwas zu überambitioniert und labert die Zuschauer mit zu vielen Fakten voll. Er erzählt zum Beispiel bei jedem Entrance lieber, wie lange der entsprechende Wrestler schon aktiv ist und von wem er trainiert wurde, statt den Wrestler, den Charakter und den Stil erst mal etwas näher zu bringen, dass man als Neuling mit den Leuten überhaupt was anfangen könnte. Ansonsten konnte ich ihm und Kevin Kelly ganz gut zuhören, nur bitte, bitte, bitte, lasst nie wieder Yoshi Tatsu an ein Mikrofon. Statt als Experte Mehrwert zu liefern, brach er sich an jedem Mini-Satz die Zunge ab. Das hat einiges ruiniert.

Tanaka: Im Grunde kann ich mich der Meinung von Maik anschließen. Die ersten 2/3 waren an sich gut, hatten aber ihre Probleme und bis zu dem NEVER Singles Match wirkte es nicht wirklich wie eine Dome Show. Dann aber kommt das grandiose Dreierpaket, was keine Wünsche offen lässt. Man kann sich also die gesamte Show ansehen und wird definitiv unterhalten. Meine Empfehlung ist aber eher sich das große Dreierpaket anzusehen und das bitte auf Japanisch. Man wird nichts verstehen, aber das sind alles richtig gute Leute, die wissen wie man Emotionen rüber bringt und das wird man merken. Das englische Team war leider ein ziemlicher Totalausfall. Kelly ist okay, labert aber größtenteils nur Standardphrasen. Striker hat seine starken Momente, aber auch teilweise richtig peinliche Aussetzer, wo er rüber kommt wie ein Mark oder ein beleidigter Smart Mark auf Twitter, und über Tatsu verliere ich lieber keine Worte. Also: Drei Main Matches – japanisch – angucken!

Letzte Änderung am Samstag, 09 September 2017 19:25

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