Zum Abschied von Daniel Bryan: Der Mensch unter den Kunstfiguren

  • 20 Februar, 2016
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Als Daniel Bryan vergangene Woche Montag bei RAW sein Karriereende bekanntgab und mit zittriger Stimme gegen die Tränen ankämpfte, kämpften die Zuschauer mit. Menschen, die den WWE Superstar noch nie in ihren Leben persönlich getroffen hatten, weinten, als wäre gerade ein enger Freund gestorben. Daniel Bryan war ihnen ans Herz gewachsen; die Menschen glaubten, ihn zu kennen. Seine Leiden wurden zu unseren Leiden.

Daniel Bryans Abschiedsrede war einer dieser Momente in der wilden Welt des Wrestlings, der bewies, dass die echten Momente immer noch die schönsten sind. Daniel Bryan war in diesem Moment echt. Wie so oft. Trotz Gimmick, Outfit, Drehbruch. Daniel Bryan war ein Wrestler, der immer ein Stückweit mehr echter Mensch war als seine Kunstfiguren-Kollegen. Deswegen kam er bei den Zuschauern so gut an. Und deswegen ist das Karriereende von Daniel Bryan nicht das eines x-beliebigen Wrestlers, sondern das einer Ikone.

Sein Aufstieg war nicht programmiert – und deswegen so herbeigesehnt

Daniel Bryan war ein Wrestler, der immer mal wieder den Vorhang weggezogen hat. Seine Story gegen die Authority war mehr als eine Story. Anders als Stone Cold Steve Austin oder Roman Reigns musste Daniel Bryan auf seinem Weg nach oben wirklich gegen die WWE-Machthaber ankommen. Der kleine Wrestling-Nerd mit dem großen Indy-Namen, der Wrestler unter den Entertainern, der, der einfach das Wrestling liebte und eigentlich nie berühmt werden wollte. Er passte nicht ins WWE-Konzept eines echten Stars. Sein Aufstieg war nicht programmiert. Es war eine knallharte Kletterpartie.

Die Karriere von Daniel Bryan war das Ergebnis harter und guter Arbeit. Wäre er nie zur WWE gekommen, würde er heute trotzdem als einer der Besten seiner Zunft gelten, zumindest was das reine Wrestling angeht. Aber bei der WWE wurde ihm nichts geschenkt. Die Vorschusslorbeeren, die sich Bryan in der Independent-Szene mit etlichen Fünf-Sterne-Matches erarbeitet hatte, schienen ihm zwischendurch eher zum Nachteil ausgelegt zu werden. Die WWE ist eben immer noch das Land der Riesen, das seine Stars eigenhändig aufbauen will.

Der beliebteste Wrestler des vergangenen Jahrzehnts

Tatsächlich versuchte die WWE ganz offensichtlich nicht nur auf Story-Ebene, Daniel Bryan kleinzuhalten. Ausgerechnet Veteran Bryan bekam in der ersten Staffel von NXT den Rookie The Miz als Mentor zugeteilt. Er musste den Kopf hinhalten und die Company verlassen, als sich ein Werbepartner über eine Würge-Aktion bei der Nexus-Invasion aufgeregt hatte. Später kam dann der Heel-Turn, ein Schritt, der wirkte, als solle er Bryans aufkeimende Beliebtheit brechen.

Und dann war da die berühmt-berüchtigte 18-Sekunden-Niederlage bei WrestleMania 28 gegen Sheamus. Aber von diesem Niederschlag (oder vielmehr Tritt) auf der größten aller Bühnen stand Bryan stärker denn je auf. Es war die Geburtsstunde des Yes-Movements. Die WWE hatte sich mit den Fans angelegt. Die wollten sich das lange Miss-Booking um Daniel Bryan nicht länger gefallen lassen. Die Yes-Chants verselbstständigten sich, Bryan bekam fortan die lautesten Jubel-Reaktionen und wurde im Laufe der nächsten Zeit – wieder als Babyface – zum vielleicht beliebtesten Wrestler der vergangenen zehn Jahre.

Vom Edeltechniker zum Entertainer

Daniel Bryan war der Gegenentwurf zum typischen WWE-Main-Eventer, ein Anti-Held, ein echter Underdog unter vielen vermeintlichen. Einer von den Leuten. Es dauerte lange, bis die WWE Bryan als Mann für die Spitze akzeptierte. Aber Bryan nahm diese Hürde. Weil er nicht nur mit Kollegen wie CM Punk und John Cena großartige Matches auf die Matte legte, sondern weil er auch aus Comedy-Quatsch Quotengold zauberte. Weil er es schaffte, vom reinen Edeltechniker zum Entertainer zu reifen. Weil er einfach in allem, was er tat, verdammt gut war. Und weil er die Leute hinter sich hatte. Es ist immer leicht gesagt, dass erst die Fans den Star machen. Bei Daniel Bryan war es wirklich so.

WrestleMania 30 war dann der Höhepunkt in der Karriere von Daniel Bryan. In zwei sagenhaften Matches besiegte er erst Triple H und später Randy Orton und Batista, um mit der WWE World Heavyweight Championship feiernd die Mega-Show zu beenden. Unter den Momenten, die die WWE mittlerweile inflationär als WrestleMania Moment vermarktet, war das ein echter WrestleMania Moment. Mit einer Magie, wie sie nur alle paar Jahre eine WWE-Arena durchweht.

Ein Comeback kann es nicht geben

Dieser Moment kam auf den letzten Drücker. Denn kurz darauf gab Daniel Bryans Körper auf. WrestleMania 30 war die Krönung, für die Daniel Bryan mehr als anderthalb Jahrzehnte alles geopfert hatte. Vor allem seine Gesundheit. Allein die Zahl der Gehirnerschütterungen, die er in seiner Laufbahn erlitt, ist unbestimmbar. Daniel Bryan verdeutlichte, warum jemand trotz aller Risiken ins Wrestling-Business einsteigt und es gegen alle Hindernissen bis an die Spitze schafft. Der Grund heißt Leidenschaft. „Ich habe das hier geliebt, wie ich nie etwas anderes geliebt habe“, sagte Daniel Bryan in seiner Abschiedsrede und man glaubte es ihm.

Der Abschied von Daniel Bryan als aktivem Wrestler fällt schwer, weil es sich anfühlt, als könnte Bryan dem Business noch so viel geben. Er war gerade erst auf dem Gipfel angekommen. Und jetzt soll alles vorbei sein? Er wollte ja weitermachen. Unbedingt sogar! Fans werden in den kommenden Jahren hoffen und beten, dass Daniel Bryan einen Weg gehen kann wie sein früherer Trainer, der WWE Hall of Famer Shawn Michaels. Der war in fast dem gleichen Alter 1998 zurückgetreten – und vier Jahre später noch einmal dauerhaft zurückgekehrt.

Am Ende bleibt nur Dankbarkeit

Das wird bei Daniel Bryan nicht passieren. Vor allem seine Vergangenheit mit Gehirnerschütterungen hat seinem Gehirn schwerer zugesetzt, als er es glauben wollte, gab Bryan zu. Ein aktives Comeback kann es sehr wahrscheinlich nie geben. In der Wrestling-Welt weiß man mittlerweile die Schäden nach vielen Gehirnerschütterungen einzuschätzen. Und deswegen wird sich Daniel Bryan in die Liste der heute sehnsüchtig genannten Namen eintragen, deren Karrieren zu früh und zu plötzlich endeten und die man so gerne nochmal in einem Match sehen will. In einer Reihe mit Stone Cold Steve Austin, Eddie Guerrero und Edge.

Er habe in den vergangenen Wochen und Monaten alle möglichen Gefühlslagen durchlebt. Wut, Traurigkeit, Frustration. Aber am Morgen von RAW, sagte Daniel Bryan, sei er mit einem anderen Gefühl aufgewacht. Mit Dankbarkeit. Und abends, nach RAW, schickte er die Zuschauer mit nichts als diesem Gefühl ins Bett. Mit diesem Gefühl und vielleicht ein paar leise geweinten Tränen auf dem Kopfkissen, gegen die man doch nicht mehr ankämpfen konnte.

 

Letzte Änderung am Samstag, 09 September 2017 19:22

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