Über die Klasse von Johnny Gargano und Tommaso Ciampa

  • 23 Mai, 2017
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Ok, Folgendes. Jeder langjährige Wrestling-Fan kennt ihn. Diesen Punkt, wenn man irgendwie keinen Bock mehr hat. Wenn einen irgendwie nix mehr so richtig packt. Wenn man alles schon tausendmal gesehen hat. Ich war letztens mal wieder an diesem Punkt angelangt, hab seit ein paar Wochen keine Weekly-Shows mehr gesehen, nicht einmal mehr die Highlight-Clips auf Youtube, die mich sonst immer halbwegs up-to-date gehalten haben. Und dann kam NXT Takeover: Chicago.


Und wow, mit einem Mal habe ich wieder etwas gefunden, das ich einfach nicht verpassen darf. Takeover war schon klasse, etwa dank des sensationellen Matches von Tyler Bate und Pete Dunne um die United Kingdom Championship (will mehr!), vor allem aber wegen Johnny Gargano und Tommaso Ciampa (will noch mehr!). Die beiden sind derzeit vielleicht das Beste, was in der WWE so rumläuft. Und wer das nicht glaubt, der unterschätzt sie – so wie ich mal wieder bei Takeover.

Johnny Gargano und Tommaso Ciampa, zumindest zweimal hatte ich die beiden schon vergangenes Jahr über den grünen Klee gelobt. Das war nach ihrem riesigen Zehnminüter beim Cruiserweight Classic und nach ihrem großartigen Titelgewinn gegen The Revival bei NXT Takeover: Toronto. Dank dieser Matches und noch einigen anderen mehr habe ich immer hohe Erwartungen, wenn das nächste Takeover näher rückt. Und jedes verdammte Mal übererfüllen Gargano und Ciampa diese Erwartungen. Das schafft heute sonst keiner so gut wie diese zwei Faces, die man einfach nicht nicht mögen kann, diese Super-Sympathen und Premium-Performer.

So auch beim Chicagoer Takeover, als Gargano und Ciampa, #DIY, mit den beiden Hacksteaks auf zwei Beinen, genannt Authors of Pain, trafen und ein tolles Ladder Match aus der Wiege hoben, vielleicht besser als die meisten aus dem WWE-Hauptkader in den vergangenen paar Jahren. Das Match hatte die nötigen Spots, es lebte auch von der optimalen Rollenverteilung der Underdog-Faces gegen die Monster-Heels.

Das große NXT-Problem: Es geht nur in eine Richtung

So klar auch war, dass die Authors das Match gewinnen würden, so offensichtlich war es für mich auch, dass dies die letzte Titelchance für #DIY sein würde, dass ihr Weg bei NXT hier enden müsste. Wir hatten ihren kämpferischen Aufstieg erlebt, ihren emotionalen Titelgewinn, ihren verzweifelten, aber aussichtslosen Kampf zurück an die Spitze. Ihre Geschichte war auserzählt. Ich habe mir auch bei Takeover Gedanken gemacht, ob die beiden nicht irgendwann mal gesplittet würden, und wer dann wohl Heel und wer Face wäre, wem welche Rolle besser stehen würde. Beim Cruiserweight Classic hatte Ciampa immerhin schon seine dunkle Seite angedeutet, er wäre auch mein Heel der Wahl. Ich habe auch darüber nachgedacht, dass der Split eigentlich an diesem Abend passieren könnte. Aber den Gedanken habe ich schnell wieder verworfen.

Denn es gibt eine Regel bei NXT und die ist das vielleicht größte Problem des gelben Brands: Es geht immer nur in eine Richtung – nach oben. Ein neuer Star kommt oder wird als solcher aufgebaut, beißt sich gegen ein paar Under- und Midcarder durch, bekommt irgendwann sein Titelmatch, scheitert vielleicht im ersten Anlauf, hadert, baut eine Bindung zum Publikum auf als Lovable Loser auf – oder auch als Superschurke oder sonst was –, dann gewinnt er im besten Fall den Titel mit einem Magic Moment und verteidigt ihn ein paar Mal, dann verliert er ihn, verpasst die Rematch-Chance, bringt den nächsten Star over und geht wenig später ins Main Roster. Das ist NXT.

So oder so ähnlich war es bei allen großen NXT-Stars, bei Sami Zayn und Kevin Owens, Finn Balor und Samoa Joe, Shinsuke Nakamura, ach, fast allen, die jetzt im WWE-Hauptkader rumturnen. Klar, es gibt noch einen alternativen Weg, und zwar das ewige Jobber-Dasein wie bei Andrade „Cien“ Almas oder Tye Dillinger, die, die die Steigbügel für die Stars halten. Fakt ist aber: Bei NXT ist immer wenig Bewegung auf der Card, immer wenig auf und ab – beziehungsweise fast nur auf. Weil wenig Zeit ist, weil es wenige Großveranstaltungen gibt, weil NXT nach wie vor nur eine Zwischenstation ins Main Roster ist. Weil die Talente dort bereit sein sollen.

Ein wenig mehr Zeit hat man sich für The Revival genommen, aber auch sie haben mittlerweile den Gang zu RAW angetreten, fest als Team, wie man sie kannte. Jetzt, dachte ich mir, ist auch schon die Zeit zum Abschied gekommen für #DIY. Deswegen standen die beiden mit ihrem Match bei NXT Takeover: Chicago auch im Main Event, um noch einmal ihren großen Abschiedsapplaus zu bekommen.

Ich habe an den Turn gedacht, aber wollte nicht dran glauben

Wie angedeutet, habe ich noch während des Matches und danach an einen Turn gedacht, irgendwie war es am Ende schon zu kitschig, eigentlich der ideale Turn-Moment. Und obwohl ich auch gesehen habe, dass Gargano und Ciampa nach ihrer Niederlage schon zum finalen Kamera-Shot des Abends auf der Rampe standen und das Bild nur noch hätte schwarz ausfaden musste, die Minutenleiste beim WWE Network immer noch fünf Minuten anzeigte, habe ich genau in diesem Moment nicht an den Turn geglaubt.

Vielleicht weil ich nicht dran glauben wollte. #DIY, die beiden waren einfach zu gut als Tag Team, zwei, die zunächst nur auf den zweiten Blick zusammenpassten, heute aber ohne den anderen gar nicht mehr vorstellbar sind. Wie Topf und Deckel, wie Ernie und Bert. Die beiden wollte man gar nicht getrennt sehen. Man wollte sie weiter als Duo sehen, und wenn nicht mehr bei NXT, dann eben in den Main Shows mit dem ganz großen Spotlight. Das hätten sie sich verdient. Dort würde es bald hingehen, da war ich mir sicher. Falsch gedacht.

Denn dann kam der Turn. Tommaso Ciampa packte sich Johnny Gargano und schleuderte ihn gegen das Entrance-Set. Dann streckte er ihn mit dem Knie nieder. Dann hämmerte er ihn durch den Kommentatorentisch. Es war ein Beatdown, der vielleicht noch ein Stück weit härter und übler war als sonst zwischen zwei Tag-Team-Partnern, zwischen zwei Freunden, die zu Feinden wurden.

Typischerweise war der Moment an einem verwundbaren Punkt gekommen, in einem Moment der Eintracht, als eben keiner damit rechnete. Und nicht nur dadurch wirkte der Beatdown böse: Erinnert ihr euch an den Save, den Gargano für Ciampa noch während des Matches gemacht hatte? Er hatte seinen Partner beiseite gestoßen und selbst einen der härtesten Leiter-Schläge kassiert, die ich je gesehen habe. Jetzt sagt Ciampa mit seinem Turn: Fuck you.

Gargano vs. Ciampa: Endlich ist der Weg wieder das Ziel

Jetzt haben sich die Vorzeichen gedreht. RAW und SmackDown müssen warten. Ciampa und Gargano drehen noch eine Runde bei NXT, und sie bekommen etwas ganz Seltenes dort: eine Fehde, in der es nicht darum geht, einen der Teilnehmer (oder beide) bereit für den großen Titel zu machen, in der es nicht nur nach oben geht, sondern in der mal wieder der Weg das Ziel ist, und dann werden sie automatisch bereit sein für weitere Aufgaben.

So schade es ist, dass #DIY jetzt (erst mal) gesplittet sind: Gargano und Ciampa werden sich eine persönliche und harte Rivalität liefern und die wird verdammt gut werden. Die beiden werden zeigen, dass ihre gemeinsame Geschichte doch noch lange nicht auserzählt ist. Ganz nebenbei retten sie uns auch noch vor der Struktur-Monotonie bei NXT. Und auch wenn ich sonst bei der WWE zurzeit den Fernseher aus lasse – das hier, das werde ich mir anschauen.

Letzte Änderung am Samstag, 09 September 2017 19:13

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