Montag, 31 März 2014 09:00

Hall of History: Bret Hart vs. Owen Hart – WrestleMania X

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hoh 

Diese Rivalität ist die Mutter unter den Bruderfehden: Bret vs. Owen. Die persönliche, intensive und authentische Story gehört zu den besten Fehden der Wrestling-Historie und setzte Standards für viele folgenden Geschichten dieser Art. Bei WrestleMania X im Jahr 1994 trafen die beiden talentiertesten Jungs der legendären Hart-Familie aufeinander – und lieferten einen Klassiker ab. Die Hall of History blickt 20 Jahre zurück.

Bret und Owen Hart waren zwei der beschlagensten Techniker nicht nur ihrer Zeit, sondern überhaupt. Wenn die beiden in den quadrierten Ring stiegen, konnte ihnen kaum einer das Wasser reichen. Aber wer war eigentlich der bessere der zwei Brüder?

Bret Hart war ein überaus talentierter Techniker, auf der Matte vielleicht besser als Owen. Bret konnte mit jedem im Ring arbeiten, konnte unzählige flüssige Konter aus dem Hut zaubern. Am Mikrofon war er eher mittelmäßig, an Charisma hat es gemangelt. Trotzdem hatte er eine Präsenz, war eine Marke mit Wiedererkennungswert und hatte den Look eines Superstars. Er hatte eine große und loyale Fanbase. Was Zuschauerquoten und Pay-per-View-Buys angeht, war er allerdings nicht das starke Zugpferd, das er gerne gewesen wäre.

Im Ring war Owen Hart nicht minder begabt als sein großer Bruder. Er war aber nicht nur auf der Matte, sondern auch in der Luft zu Hause, beherrschte dank seiner Zeit in Japan unterschiedliche Stile. Anders als der sachliche Bret, der sich als Traditionshüter sah, war Owen ein Spaßvogel. Er hatte durchaus Charisma und gute Fähigkeiten am Mikrofon – aber er, der fünf Zentimeter kleiner als Bret war, sah nicht wie ein großer Champion aus. Schon zu Lebzeiten galt der 1999 tödlich verunglückte Owen als unterbewertet.


Gründe für Brets Erfolg

Beide Brüder, die im Hart Dungeon von ihrem strengen Vater Stu trainiert wurden, können demnach gute Argumente für ihre Qualität vorweisen. Zweifellos lässt sich aber Bret als der deutlich erfolgreichere ausmachen. Fünfmal war er WWF Champion, während Owen der große Titel stets verwehrt blieb. Gründe des Erfolgs von Bret Hart liegen sicher auch in seinem Alter und seiner Generationszugehörigkeit begründet. Bret war neben Shawn Michaels das Aushängeschild der Post-Steroidbomber-Ära Anfang/Mitte der 1990er Jahre.

Der Steroidskandal spielte Bret (der ironischerweise selber auch zu Aufbaupräparaten gegriffen hatte) in die Hände, als WWE-Boss Vince McMahon auf schmächtigere Männer setzen musste. Der acht Jahre jüngere Owen hatte nicht nur das Pech, dass es schon einen hochgepushten Hart in der Main-Event-Region der WWF gab, sondern auch, dass er sein vielleicht bestes Alter während der Attitude Era erreicht hat bzw. hätte. Selbst wenn er nicht mit nur 34 Jahren verstorben wäre, hätte der nur 1 Meter 78 kleine Owen gegen Größen wie Stone Cold Steve Austin, The Rock und Co. kaum einen Stich gesehen. Bret und Owen standen zwar auf einem Blatt Papier, doch auf unterschiedlichen Seiten.

Aber bis in die Attitude Era war es noch ein weiter Weg. Sprung zurück ins Jahr 1992. Im Oktober gewinnt Bret Hart mit der WWF Championship erstmals den größten Preis im Wrestling-Business und sichert sich seinen Platz in den Geschichtsbüchern. Ein Jahr später triumphiert er im Turnier um den prestigeträchtigen Titel des King of the Ring. Zuvor war er schon je zweifacher Intercontinental und World Tag Team Champion gewesen. Die noch recht junge Karriere seines kleinen Bruders verlief deutlich weniger rund.


Als der Ärger seinen Lauf nahm

In seinem ersten WWF-Run zwischen 1988 und 1989 wurde Owen nicht einmal unter seinem echten Namen als Brets Bruder vor die Kameras geschickt, sondern musste als maskierter Blue Blazer als Jobber herhalten. 1991 kehrte Owen in die McMahon-Company zurück, trat fortan als Owen Hart auf, konnte aber auch noch keine Titel erringen. Ein erfolgreicher Bruder, ein erfolgloser Bruder im Schatten – die perfekte Grundlage für eine gute Wrestling-Fehde.

Die Survivor Series 1993 sollte den Beginn der Fehde zwischen Bret und Owen markieren. In einem traditionellen Elimination Match traten Bret und Owen zusammen mit ihren Brüdern Bruce und Keith gegen ein Team um Shawn Michaels an. An einem Punkt in Match krachte Owen, der schon zwei Gegner ausgeschaltet hatte, in Bret und wurde eliminiert – als einziger im Team der siegreichen Hart-Brüder. Owen beschuldigte Bret im Anschluss für sein Ausscheiden. Der kleine Zwist steigerte sich und entflammte beim Royal Rumble 1994.

Bret und Owen hatten sich nach der Series noch einmal zusammengerauft und traten beim Januar-PPV zusammen gegen die Quebecers, die damaligen Tag Team Champions, um die Titel an. Wegen einer Knieverletzung Brets wurde das Match vom Ringrichter vorzeitig gestoppt. Frustriert von der nächsten verpassten Titelchance, attackierte Owen Bret mit aller Brutalität gegen das Bein. Später am Abend hatte er weiteren Grund zum Ärger: Als Bret gleichzeitig mit Lex Luger im Royal Rumble Match über die Seile stürzte und die beiden den Boden simultan berührten, wurde Bret Hart neben Luger zum Co-Sieger des Rumble Matches erklärt. Damit konnte der Kanadier sein Ticket für den Main Event von WrestleMania X buchen.


„I’m sick and tired of it“

Jetzt klagte Owen Hart an: Bret habe ihn immer bewusst in seinem Schatten gehalten. Es sei Zeit, Bret das heimzuzahlen. Doch der weigerte sich zunächst, gegen seinen Bruder in einem Match anzutreten. Er wollte ihm nicht weh tun, hatte ihn wohl auch nicht ganz ernst genommen. Brets Fokus lag voll und ganz auf dem Titelmatch bei WrestleMania. Da gab es aber noch ein Problemchen: Nie zuvor (oder hinterher) hatte es zwei Rumble-Match-Sieger gegeben. Dafür wurde aber eine geschickte Lösung gefunden: Lex Luger durfte zuerst gegen WWF Champion Yokozuna im ersten Main Event bei der Jubiläums-WrestleMania antreten. Damit Bret Hart in seinem anschließenden Titelmatch aber nicht einfach mit voller Kraft den erschöpften Champion um den Titel erleichtern konnte, sollte Bret zu Beginn von WrestleMania X ein erstes Match bestreiten – gegen Owen.

Im Vorfeld von WrestleMania hetzte der blonde Hart gegen seinen älteren Bruder. „That friction started a lot sooner than the Survivor Series. It started all my life. All I ever heard about was what Bret achieved“, klagte Owen. „I was a better football player than Bret. I was a better amateur wrestler than Bret. I had better academic grades than Bret. But all the accolades went towards you, Bret.” Und schließlich: „I’ve been living in the shadow of you, Bret, all my life, and I’m sick and tired of it.” Starke Worte! Doch Bret kümmerte sich vor den Kameras kaum um sein Match gegen Owen. Wie sich später zeigte, hätte Bret Owen besser nicht unterschätzen sollen…

Das Match hat schließlich als Opening Contest bei den zehnten WrestleMania im New Yorker Madison Square Garden stattgefunden. Owen imitiert bei seinem Einzug Brets Entrance. Er trägt ein schwarz-pinkes Outfit mit länglicher Sonnenbrille. Statt die Brille einem Kind aufzusetzen, zerreißt er sie im Seilgeviert. Die Respektlosigkeit von Owen setzt sich kurz darauf fort, indem er Bret ohrfeigt. In der Anfangsphase des Matches stellen die beiden Ausnahmekönner zunächst ihre Fähigkeiten aus. Owen Hart übernimmt daraufhin als Heel weitgehend die Führung im Match. Er rammt Bret von außen gegen den Ringpfosten, lässt ihn etwas später mit einem hohen German Suplex in eine Brückenposition krachen und hämmert ihn sogar mit einem Tombstone Piledriver auf die Matte.


Victory Roll

Das Match bekommt eine neue Geschichte, als Bret sich bei einem Cross Body über die Seile, auf Owen landend, am Knie verletzt. Es sei an die Knieblessur erinnert, die den Harts beim Royal Rumble die Tag-Team-Titel kostete. Die Verletzung schlachtet Owen natürlich aus. Doch selbst die Heat-Phasen dieses Matches sind alles andere als zäh. Dank zahlreicher variabler Angriffe erleben die Zuschauer einen sehr wettkampforientierten technischen Leckerbissen. Bret und Owen beweisen eine tolle Chemie im Ring.

Ehe das Match in die Schlussphase übergeht, kann Bret Hart mit Bulldog, Piledriver und Superplex zurück in den Kampf finden. Nach einem vom Ringrichter nicht erkannten Eselstritt von Owen klaut The Rocket den Sharpshooter aus dem Repertoire seines Bruders zu dessen Leidwesen. Die Excellence of Execution kann aber kontern und seinerseits seinen Submission-Finisher anbringen. Doch Owen schafft es rechtzeitig in die Seile.

Über die Ringecke landet Bret Hart mit einem Mal auf den Schultern des stehenden Blondschopfs, rollt sich über dessen Kopf ab und versucht, Owen mit einer Victory Roll zu schultern. Der kann aber blocken, setzt sich flugs auf die am Boden liegenden Schultern Brets und hält ihn bis drei unten! Überraschung und Enttäuschung zeichnen sich Brets Gesicht ab. Der gekonterte Einroller, das abrupte Hinsetzen, das plötzliche Ende – vielleicht nicht das schönste Finish der Welt. Aber der kleine Owen hatte Bret Hart sauber besiegt.


Fünf Sterne

Es war der wohl bis heute beste Opener in dreißig Jahren WrestleMania. Wrestling-Journalist Dave Meltzer wertete das Match mit großartigen vierdreiviertel von fünf Sternen. Die Story war blendend, die Action brillant und Owen konnte sich seinen größten Erfolg in den Lebenslauf schreiben. Nachdem Lex Luger später am Abend gegen Yokozuna seine Titelchance vergeigt hatte, konnte Bret Hart den Koloss als Schlusspunkt der WrestleMania um den Titel besiegen. Entsprechend forderte Owen Hart daraufhin seinen Anspruch auf ein Titelmatch ein, hatte er doch den neuen Champion gerade erst klar besiegt. Das Bruderduell aus dem Opener war nur der Grundstein für eine noch ein knappes Jahr andauernde Fehde.

Nach Owen Harts Krönung beim King-of-the-Ring-Turnier (ein Jahr nach Brets Erfolg)  sollte der selbsternannte „King of Harts“ beim SummerSlam 1994 in einem Steel Cage Match seine langersehnte Titelchance erhalten. Dieses Match war kein Technikfeuerwerk mehr, sondern eine erbitterte Schlacht. Darin konnte Bret seinen Titel zwar verteidigen, doch beide (und die Zuschauer sowieso) waren irgendwie Sieger. Denn der Fight erhielt die seltene glatte Höchstwertung von Dave Meltzer – fünf Sterne. Die Fehde entwickelte sich und wurde anschließend auf der Tag-Team-Ebene weitergeführt. Owen wurde von Brets früherem Partner aus der Hart Foundation Jim Neidhart unterstützt. Auf Brets Seite stand der gemeinsame Schwager Davey Boy Smith, der British Bulldog. Die Bruderfehde hatte längst den gesamten Hart-Clan zerrüttet.

Wie so oft im Wrestling galt auch bei Bret vs. Owen: Man nehme etwas Reales, übersteigert es ein wenig und kreiert so die erfolgreichsten Charaktere und Geschichten. Dem Ganzen ist einfach ein gewisses Mehr an Authentizität anzumerken. Neid und Konkurrenzkampf zwischen Brüdern ist nicht nur eine Geschichte mit viel Identifikationspotential für die Zuschauer, sondern ist besonders glaubhaft im Fall von Hart vs. Hart: Schon in jungen Jahren im wahren Leben war Owen das Nesthäkchen, das sich gegen elf ältere Geschwister in einer leistungsstarken, wettkampforientierten Familie unter der eisernen Hand des Patriarchen Stu Hart durchsetzen musste. Die WWF hat dieses Material um die Karrieren erweitert auf die große Bühne gebracht. Stoff für die durch die Pro Wrestling Illustrated ausgezeichnete Fehde des Jahres 1994.

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Gelesen 1555 mal Letzte Änderung am Montag, 14 April 2014 21:26

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