Dienstag, 01 Juli 2014 09:00

Zwei Jahre Clothesline: Der kleine Simon, Herrin Paulas Nippel und ein Forum

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 summer-psychodad

Wir schreiben Dienstag, den 01. Juli 2014. Während ihr das hier lest, lässt sich der Autor dieses Textes vermutlich gerade am finnischen Meerbusen die Sonne auf die Plauze scheinen. Aber genug der grafischen Darstellung meines Privatlebens, viel wichtiger ist doch: Heute vor zwei Jahren erblickte Clothesline.eu das Licht der Welt.

Vor vielen, vielen Jahren, als die WWF/E noch nicht das Monopol übernommen hatte und die Territorien noch bestanden, glaubten die Promoter fest daran, dass Wrestling zyklisch sei: Auf jedes erfolgreiche Angle, das die Zuschauer in die Hallen strömen lässt, folgt eine Dürreperiode, die einfach überlebt werden muss (ganz ehrlich: Wenn dem wirklich so ist, menstruiert TNA aber schon verdammt lange vor sich hin...).

Doch eines war sicher: Fans bleiben Fans und so lange ihnen etwas geboten wird, werden sie auch zurückkommen. Im Internet gibt es kein Monopol. Hier hat immer noch jeder sein Territorium und die Geschichte von Clothesline.eu zeigt: Wrestling ist tatsächlich ein wenig zyklisch. Wrestlingseiten kommen und Wrestlingseiten gehen – aber die Community bleibt, solange ihnen etwas geboten wird.

Da können wir natürlich unmöglich unseren zweiten Geburtstag feiern, ohne unseren immer wieder gern gesehenen Gästen in der ein oder anderen Form Cyberkuchen zu spendieren. Eine kleine Auswahl an Redakteuren erzählt euch ihre ganz persönliche Geschichte. Wie sind wir zum Wrestling gekommen, was fasziniert uns und was hält uns an dieser Unterhaltungsform, die seit Mitte der 2000er mit massiven Coolnessproblemen und Imageverlusten zu kämpfen hat?


Meine eigene Geschichte geht zurück ins Jahr 1994. Die erste Erinnerung ist Flair vs. Hogan (dessen Starschnitt später den Weg in mein Zimmer finden sollte) vom Bash at the Beach. Ich war erst sechs, aber schon damals versuchte mein Vater behutsam mich auf die Idee zu bringen, dass da doch irgendwas nicht stimmen könne. Subtil kritisierte er Hogan dafür, dass er beim 50. Mal doch merken müsse, wenn sich der Nature Boy von hinten mit einem Low Blow anschleicht. Aber hey, beim enthusiastischen Feiern mit den Hulkamaniacs kann das schonmal untergehen. Und soviel Sportsgeist hätte man von einem damals 14fachen World Champ doch auch erwarten können, oder?

Jedenfalls gehören diese elendslangen WCW-Nächte auf DSF mit Nitro, Thunder und der anschließenden Großverstaltung (ja Kinder, so hießen damals die Pay Per Views) zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen. In dem Zusammenhang habe ich auch, vermutlich früher als die meisten anderen, meinen ersten (und zweiten und dritten...) Nippel gesehen – wusste damals aber noch nicht wirklich was mit anzufangen. An dieser Stelle darf gerne über meine Kindheit spekuliert werden – die beste Fanfic bekommt einen Cyberkeks.

Auch wenn die WCW nie knallbunt war, es gibt einfach diese Momente, die sich schon als Kind in dein Hirn brennen. Seien es die angesprochenen Low Blows von Flair, das Abseilen von Sting, Brawls mit dem Baseballschläger, Hogans Turn mit dem Müll, der in den Ring fliegt, der Tower of Doom oder die guten, alten War Games. Selbst, wenn man sich viele dieser Segmente heute auf Youtube anschaut: Vieles davon wirkte einfach real. WCW war im Grunde die Definition von Reality TV, so wie es eigentlich sein sollte.

Wie bekannt ist, verzog sich das Wrestling dann langsam aber sicher aus dem Free-TV und damit auch aus meinem Leben – gab ja damals noch kein Internet (zumindest nicht für die armen Schlucker). Als wir dann 2003 endlich DSL bekamen, bin ich (keine Ahnung wie) über irgend so eine komische Seite mit vier Buchstaben gestoßen und dann habe ich das Glas aus Stone Colds Theme in meinem Kopf klirren gehört – breaking Kayfabe! Neeeiiiinnnn!!! Hogan wusste also doch, dass Flair ihm Abend für Abend die Familienplanung vermiesen wollte!

Aber immerhin hatten sie die Info auf der Homepage, dass WWE wieder auf Tele 5 laufen würde. Ich schaltete ein und tatsächlich. Es war fast wie früher. Ein wenig bunter, ein wenig flippiger, aber Hogan war immer noch da, Flair war da und hey – in den Werbepausen gab's sogar wieder Nippel zu sehen und dieses Mal wusste ich sogar was damit anzufangen (übrigens, wer sich noch an den Tele 5 Videotextchat mit Herrin Paulas Übernahme der WWE erinnert: High Five)!

Nach einiger Zeit habe ich dann auch das Forum entdeckt, lange Zeit nur mitgelesen und mich schließlich am 14.03.2005 dort angemeldet. Und erstmal fand ich das gar nicht cool. Da war doch tatsächlich so ein Typ namens Sebastian S., der mir Hogan madig machen und mir verzählen wollte, was Naitch doch für ein großartiger Wrestler sei. Schließlich habe ich aber doch noch vier geile Jahre dort verbracht, bevor mich 2008 weder Indy-, noch Mainstreamwrestling bei der Stange halten konnten und ich mich leise und schleichend auch von der Community verabschiedete.

Das ganze hielt bis 2011, als ich von einer Pipebomb eines gewissen CM Punk las – bei RAW. Bei WWE. Aber nicht der Punk, oder? Tatsache, es war der Mann mit dem unsichtbaren Mikrofon! Hätte nicht gedacht, dass er über die WWECW hinaus kommt. Und man könnte meinen, er hätte all die Jahre zuvor in Internetforen mitgelesen. Jedes einzelne Wort – das waren die Gründe, warum ich einst aufgehört habe, Wrestling zu schauen.

Dann gab ich schließlich auch wieder mein Comeback in der alten Heimat. Klickte mich durch alle möglichen Threads, egal ob Wrestling oder Off-Topic und plötzlich realisierte ich: Das war viel mehr, als nur ein Wrestlingforum für mich. Alleine durch die Dinge, die ich im "Gott und die Welt" gelesen hatte, habe ich Antworten auf Fragen bekommen, die mir niemand im real life zu geben vermochte.

Ich hatte gemerkt, dass sich mein Leben in den drei Jahren Abstinenz dramatisch verbessert hat. Und warum? Wegen vieler Entscheidungen, die ich damals unbewusst aufgrund dessen getroffen habe, was ich von einigen Usern im Forum gelesen habe. Das ist der Grund, warum ich hier heute noch aktiv bin, auch wenn mir das aktuelle Geschehen teilweise meilenweit am Arsch vorbei geht. Und das ist der Grund, warum ihr mich hier auch nicht mehr loswerdet...

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