Dienstag, 28 März 2017 10:30

Hall of History: Chicago Hope… and Glory – WrestleMania XIII

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Wenn man sarkastisch dieser Tage ist, was vermutlich etliche Fans betrifft, so befinden wir uns in einer ähnlichen Situation wie vor zwanzig Jahren: Denn auch da wie heute blickte man im Spätwinter und den ersten Frühlingstagen mit einem unguten Gefühl in Richtung WrestleMania - obwohl faktisch der Super Bowl der WWF/E als Highlight den großen Liga-Turnus abschließen sollte. Doch anders als heute, wo man im Grunde optional aus dem Vollen schöpfen kann (speziell was Personal und Möglichkeiten angeht) bzw. hätte können, sahen die Vorzeichen im Jahre 1997 alles andere als rosig aus… allerdings mit einem unerwarteten wie überraschenden Ausgang.

Drehen wir das Rad der Geschichte um zwei Jahrzehnte zurück: Vince McMahon und seine Promotion standen immer noch mit dem Rücken zur Wand. Nach dem Generationenwechsel, einem mehr als grottigen 1995 sowie einem Folgejahr, das man mit äußerst schmalem Kader halbwegs solide über die Bühne gebracht hatte, kamen erste kleine Sonnenstrahlen zum Jahresende 96 auf: Endlich hatte man ein paar hoffnungsvolle Talente gefunden, bewährten Athleten entsprechende Charaktere verpasst und ein paar Fehden geknüpft, die Lust auf mehr machten. Und auch die Qualität stimmte mal, was man insbesondere an der Survivor Series des Jahres merkte. Aber noch immer drohte der Schatten der damals übermächtig erscheinenden Konkurrenz WCW, welche ebenfalls 1996 enorm aufzutrumpfen gewusst und zusätzlich mit ordentlich Starpower unterfüttert nun einem goldenen Jahr entgegenzublicken hatten. Keine besonders guten Voraussetzungen also, um den Fans die größte Show des Jahres zu servieren.

Erschwerend kamen dann noch einige andere Unstimmigkeiten hinzu: nicht nur, dass der einst groß angekündigte und verpflichtete Rückkehrer Ultimate Warrior im Vorjahr bereits nach wenigen Wochen wieder weg war und man Sycho Sid als halbwegs brauchbaren Ersatz holte; nicht nur, dass mit Marc Mero eine variable Größe der Mittelgewichtsszene verletzungsbedingt weggebrochen war - auch beim größten Zugpferd musste man Abstriche machen: Shawn Michaels zelebrierte seine Backstage-Macht der Tage divenmäßig in vollen Zügen, wollte ungern im Rahmen der Titelfehde verlieren - und verlor aus diesem Grund „sein Lächeln“. So zog er den berühmt-berüchtigten „Lost my smile“-Joker, um sich in eine OP-Pause zu begeben. Die Notwendigkeit des Zeitpunkts ist bis heute umstritten. Dahin also der geplante Mega-Rückkampf mit Bret „The Hitman“ Hart - und graue Wolken zogen sowohl über Stamford als auch dem Michigansee auf. Denn seit jeher eilt dem Publikum von Chicago, wo die dreizehnte WrestleMania stattfinden sollte, der zweifelhafte Ruf der Unberechenbarkeit voraus. Unoptimale Ausgangspositionen also, doch im Endeffekt bewiesen Vince McMahon und seine Mannen genug Mut und Kreativität, den Widrigkeiten zu begegnen… und schufen auf diese Weise einen ungewollten Meilenstein, welcher ihnen den Sieg sowohl im „Monday Night War“ als auch auf ganzer Linie bescherte. Oder… um den Mania-Zweittitel zu bemühen „Wie Phoenix aus der Asche“: für den PPV vielleicht nicht ganz so, für die WWF/E aber auf alle Fälle.

Billy Gunn vs. Flash Funk (Free for all)

… oder im Grunde der Rest vom Schützenfest, denn mehr bot der Kader für die Appetithäppchen-Phase nicht her. Zudem überaus schade, dass es die WWE nicht verstand, aus 2 Cold Scorpio mehr herauszuholen als einen optischen Unfall aus Power Ranger und einer Godfather-Frühform. Und als man es Ende 97 dann doch versuchte… da war es schon zu spät. Nichtsdestotrotz mühten er und Gunn sich rund sieben Minuten redlich ab, ehe der Ex-Tag-Team-Cowboy sich den Pinfall-Sieg holte. Offensichtlich die Ouvertüre zum damals ersten Singles Run Gunns, der kläglich scheiterte. Erst Monate später als Outlaw hatte er seine beste Zeit.
Jon Cross - Wertung: **

4-Way Elimination Tag Team Match
New Blackjacks vs. Headbangers vs. Doug Furnas & Phil LaFon vs. Godwinns

Resterampe Nr. 2 als eigentlicher Opener. Im Grunde… keine so schlechte Idee und ehrlich gesagt auch gar nicht so doof umgesetzt. Zudem gab es nette Schlagabtausche und einige nicht so abzusehende Entwicklungen - welche für mich aber der große Kritikpunkt waren. Schön zumindest, dass man endlich auch mal andere Teams zu sehen bekam außer den Big 4 aus 1996. Klar auch, dass die Godwinns nach der langen Top-Position wohl kaum den Sieg davontragen würden. Und klar, da logisch… wenngleich wie ein Notnagel wirkend ebenfalls, dass man für JBL und Barry Windham eine Tag-Team-Rolle fand, zu der beide auch familiär hervorragend passten - die New Blackjacks. Und - man hatte mit den Kanadiern LaFon & Furnas zwei der heißesten Eisen im Feuer, welche seit dem Jahreswechsel einen steten Weg nach oben angetreten hatten. Im Grunde hätte ihnen vom Logischen her der Spot um die Team-Gürtel zugestanden… wäre das nicht schon beim Vor-Event passiert. Am Ende siegten dann mit den Headbangers ebenfalls zwei Newcomer, die sich allerdings vergleichsweise unscheinbar voran gearbeitet hatten. Und das - letztlich gegen die Godwinns, nachdem die Blackjacks erst disqualifiziert und die Kanadier ausgezählt wurden. Überraschung: ja - aber der offensichtlichere Weg wäre mir lieber gewesen.
Jon Cross - Wertung: **1/2

WWF Intercontinental Championship
Rocky Maivia vs. The Sultan

Um ehrlich zu sein: Die Bekanntgabe war für mich damals wie ein Schlag ins Gesicht. Für den größten PPV des Jahres eine Titelmatch-Ankündigung mit Weekly-Niveau. Da hätte der Gürtel auch beim Vorgänger bleiben können. Und so sehr man sich auch bemühte, den Kampf opulent mit Superstars wie dem Honkytonk Man am Mikro oder Rocky Johnson und dem Iron Sheik als Sekundanten anzureichern - der erste Mania-Auftritt des Future Rock kam daher wie ein Gourmet-Essen mit Bockwurst. Geniales Debüt, stete Siege und einen Monat zuvor den IC-Belt geholt. Und bei WrestleMania?! Da wartete ein Undercard-Edeljobber, dem man mit Zwang Bedrohlichkeit vermitteln wollte. Soweit zu den grottigen Rahmenbedingungen. Der Fight selber… war aber gar nicht so schlecht, denn Johnson hatte es ja mit seinem Cousin Fatu zu tun alias Future Rikishi. Daher zeigten beide zehnminütiges Wrestling auf richtig gutem Niveau - wenn denn nicht das Ende gewesen wäre. Ein simpler Roll-Up und das war’s. Da half selbst der Aftermath wenig. Rocky auf dem absteigenden Ast, der letztlich zur The-Rock-Wiedergeburt führte. Quasi… noch ein Phoenix.
Jon Cross - Wertung: **3/4

Hunter Hearst Helmsley vs. Goldust

Diese Begegnung hatten wir damals schon beim Rumble gehabt - seinerzeit mit Intercontinental-Titel… und ich hätte mir den Fight um diesen auch noch einmal gewünscht. Aber Stamford dachte sich, dass der heutige Chef in spe und der Erstgeborene des „American Dream“ genügend Qualität und Starpower in den Fight pumpen würden, so dass das Gold eigentlich nicht nötig war. Ich muss sagen: Recht hatten sie. Triple H und Dustin Runnels machten da weiter, wo sie zu Jahresbeginn aufgehört hatten - und das richtig gut. Curtis Hughes als Helmsley-Bodyguard war der debütierenden Chyna gewichen, die damals optisch noch nach olympischem Doping-Trainingslager aussah. Mit Marlena als Jagdopfer war genügend Soap Opera integriert, dass der Kampf gut abgerundet wurde… und beide ohne Gesichtsverlust aus der Nummer herauskamen, als Hunter per Pedigree auf 2:0 erhöhte.
Jon Cross - Wertung: ***1/2

WWF Tag Team Championship
Owen Hart & British Bulldog vs. Vader & Mankind

Ein Titelmatch mit einer satten Ladung Technik-Skills und Topstars - eigentlich konnte da nicht viel schiefgehen. Aber trotzdem kam die Begegnung gefühlt aus der kalten Hose. LaFon & Furnas bekamen wie geschrieben nicht den Vorzug und so hatten es die Langzeit-Champions mit zwei echten Großkalibern zu tun. Nur… erwartete man die hier eigentlich nicht. Zumindest ich nicht. Vader und Foley hatte man im Zuge der Undertaker-Fehde zu einem Team gezimmert und für mich damit die Chance verpasst, sie adäquater in die Card einzubauen. Speziell bei Mankind wäre ein Fehdenabschluss gegen den Taker in Chicago sicher besser gewesen… aber manchmal muss man halt umplanen. Wie dem auch sei, zeigten alle Vier einen harten Fight, welcher der Ankündigung auch mehr als gerecht wurde… bis auf das Finish, das, um niemandem zu schaden, per Double-Count-out etwas zu salomonisch geraten ist.
Jon Cross - Wertung: ***3/4

Submission Match
Bret „The Hitman“ Hart vs. „Stone Cold“ Steve Austin

Und damit kommen wir zum großen Highlight des damaligen Abends - und einer historischen Sternstunde für die WWF/E, auch wenn das in der nachfolgenden Dimension vielleicht nicht so abzusehen war. Wir rekapitulieren: HBK fiel aus, wodurch Bret Hart zunächst ohne Gegner dastand. Doch man hatte ja noch Plan B - und der hieß Steve Austin. Die Rattlesnake hatte nach ihrem Sieg beim King of the Ring einen unaufhörlichen Bekanntheitsgrad erfahren, zu dem sich seit Jahresbeginn immer mehr Pops gesellten. Und da die Fehde mit dem Hitman praktisch immer noch offen für neue Impulse war, gab man beiden das Match. Und die Impulse kamen… mehr als genug. Über den Fight selbst muss man keine weiteren Worte verlieren, denn die gut 22 Minuten füllten beide Athleten mit Herzblut, Härte und Hass aus, dass es nur so strotzte. Ohne gefühlte Handbremse gaben Bret und Steve alles, was sie hatten… und sorgten für ein dramatisches Finish: Ein blutüberströmter „Stone Cold“ weigerte sich derart beherzt gegen die Aufgabe im Sharpshooter, dass er letztlich das Bewusstsein verlor. Special Referee Ken Shamrock in seinem ersten Auftritt erklärte den Hitman zum Sieger, doch der stand ebenfalls noch derart unter Adrenalin, dass er seinen Erzfeind unter stetigen Buhrufen immer weiter bearbeitete. Schließlich ging Shamrock per Ausheber dazwischen, wonach Hart mürrisch abzog. Austin dagegen bekam als eigentlicher Heel Jubelarien und wurde selbst dann noch gefeiert, als er dem helfenden Offiziellen den Stunner verpasste und torkelnd die Arena verließ. Einer der besten klassischen Double Turns der Wrestling-Geschichte: Das einstige Top-Babyface Bret Hart und der Ober-Heel Austin hatten auf einen Schlag die Rollen getauscht. Und auch die verbalen wie optischen Obszönitäten gemischt mit salonfähiger Brutalität trugen ihr stilbildend Übriges bei. Wenn es einen Ursprung für die Attitude Era gegeben hat, dann diesen Kampf. Und so wird Hart vs. Austin immer als Urknall des Wrestling-Zeitalters gelten, das nicht nur Austins kometenhaften Aufstieg erst ermöglichte, sondern auch der Company zurück an die Spitze verhalf. Ein Kampf… den man gesehen haben muss.
Jon Cross - Wertung: ***** (hätte sechs gegeben, aber das ist ja nicht möglich…)

Chicago Streetfight
Nation of Domination vs. Ahmed Johnson & Legion of Doom

Nach der vorherigen Darbietung hätte man voraussichtlich einen Gang runtergeschaltet… doch man blieb in etwa bei dem Gewaltgrad: qualitativ eine Etage tiefer, aber nicht minder rustikal beschrieben die Intimfeinde Johnson und Farooq ein weiteres Kapitel ihrer schier endlosen Rivalität. Um der Ur-Nation, welche eher an eine Heel-Version der Village People erinnerte, zahlenmäßig Paroli bieten zu können, hatte sich Johnson mit Hawk und Animal verstärkt. Der zum Austragungsort titulierte Streetfight bot dann im Endeffekt auch alles, was der Name hergab - und was das Arsenal betraf auch alles, was man in der Peripherie finden konnte. Und so kam neben Feuerlöschern, Straßenschildern und den üblichen Alufolien-Mülltonnen auch eine Küchenspüle zum Einsatz. Das Ganze recht chaotisch, aber dafür hart und recht ansehnlich dargeboten… wobei der beste Part daran war, dass auf diese Weise die ringerischen Schwächen der meisten Akteure gut kaschiert wurden. Und so gab es für den Feel-Good-Moment den Sieg der Faces. In der Gänze betrachtet mit Sicherheit das beste Match der Fehde.
Jon Cross - Wertung: ***1/2

WWF Heavyweight Championship
Sycho Sid vs. Undertaker

Zugegeben: für eine WrestleMania eine etwas bescheidene Ansetzung um den höchsten Titel der Liga. Aber andererseits hatte die Company in der Vergangenheit schon weitaus schlechtere Big-Man-Mainer gesehen, und stand der Grim Reaper so far noch in keinem. Daher kreuzte er die Klingen mit Sid, der diesen Spot zumindest einmal innegehabt hatte, und zeigte mit diesem… einen langen und vor allem in Gänze betrachtet bedächtigen Kampf. Zur Ehrenrettung der beiden Halb-Immobilien sei aber gesagt, dass sich diese mehr als redlich mühten und fehlende Dynamik mit reichlich Storytelling und Härte würzten. Abgerundet wurde das Ganze durch Bret Hart, der endgültig zur dunklen Seite der Macht turnte - und am Ende gar matchentscheidend war, dass der Taker sich zum zweiten Mal den großen goldenen Gürtel umschnallen durfte. Und auch auf die eigentlich geplante Vendetta brauchte keiner zu verzichten: Denn der verlorene Lächler Shawn Michaels persönlich kommentierte ringside mit Jerry Lawler und Jim Ross und durfte sich die gepfefferten Spitzen des Hitman aus nächster Nähe anhören. Nichtsdestotrotz: kein Totalausfall, sondern ein halbwegs solider Fight mit positivem Ausgang.
Jon Cross - Wertung: ***

Fazit

Es gab schon weitaus schlechtere WrestleManias - bessere allerdings auch. Die wilde „13“ darf sich allerdings in den Reigen der paar „Grandaddy’s“ einreihen, in welcher Wrestling-Geschichte geschrieben wurde. So wie vieles im Wrestling-Background Spekulationsmasse ist, gilt dies auch für den Ursprung des Attitude-Zeitalters: manche sehen das Submission Match darin, manche die „3:16“-Promo vom King of the Ring. Wenn es nach mir geht... so war das im Sommer 96 die Quelle und WrestleMania XIII die spätere Initialzündung. Denn erst im weiteren Verlauf von 1997 kam die Ära in all ihren Facetten derart zur Ausprägung, was vorher nur sachte der Fall war. Und so folgte nach dem „Flug des Phoenix“ zunächst noch ein etwas holpriges Restjahr, das zudem mit einem kleinen Schocker endete, ehe im Anschluss der Wiederaufstieg begann und die WWE die Früchte ihrer Arbeit ernten durften. Ferner war der durch die Rattlesnake angeschobene Style wegbereitend für kommende Generationen an Superstars, welche sich unabhängig bisheriger Schwarz-Weiß-Malerei ihre Nischen in der großen kreativen Grauzone charakterlicher Ausrichtung suchen konnten.

Ob der 2017er-Mania ein ähnliches Kunststück gelingt wie vor zwanzig Jahren, darf an dieser Stelle bezweifelt werden. Aber wenn zumindest der qualitativ positive Überraschungseffekt letztlich herauskommt, ist das schon mehr als erwartet.

Gelesen 724 mal Letzte Änderung am Mittwoch, 06 September 2017 18:33

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