Montag, 27 März 2017 09:00

Der Weg zur Women's Revolution: Die Geschichte des Frauen-Wrestlings

geschrieben von Niklas Schier
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„Ich würde jede Wrestlerin feuern und sie in einen Strip-Club schicken. Frauen ziehen kein Geld, sie haben schreckliche Matches und sie sollten den Männern nicht ihre Jobs klauen, die ihre Familie ernähren müssen. Ich liebe Frauen, aber sie sollten ihren Platz kennen. Frauen sollten keine Wrestlerinnen, MMA-Kämpferinnen oder Boxerinnen werden. Sie sollten zu Hause bleiben, den Abwasch machen, kochen und Kinder kriegen.“

Was glaubt ihr, von wem und aus welchem Kontext stammt dieses Zitat? Vince McMahon, als man ihm zum ersten Mal von der Möglichkeit einer Women’s Championship erzählte? Nope. The Rock vielleicht, der sich - natürlich mit entsprechend ironischem Unterton - über irgend eine Women’s Championesse lustig machte? Wir kommen der Sache zeitlich näher, aber äh-äh. Das Zitat stammt tatsächlich aus dem letzten Jahr, ist frei von jeglicher Ironie und stammt vom WWE Hall of Famer und ehemaligen Intercontinental und Tag Team Champion Greg „The Hammer“ Valentine. Ein Zitat, dass freilich alles andere als freundlich ist, sich durch besonderen Sexismus auszeichnet und die Entwicklungen der letzten Jahre ignoriert.

Keine Angst, das wird jetzt kein Gender-Vortrag, aber Valentines Zitat stammt leider nicht von ungefähr, ohne jetzt den Sexismus übernehmen zu wollen (ich weiß, Männer, wir sind hier unter uns, aber sowas muss echt nicht sein). Das Wrestling der Frauen war bis vor Kurzem eben nur eine Randerscheinung, deren Daseinsberechtigung zumindest fraglich, zumeist aber überflüssig war. Natürlich gab es ein paar löbliche Ausnahmen, Leute wie Lita oder Trish Stratus und sogar Ligen wie SHIMMER mit ausschließlich  weiblichem Ring-Personal (das alles trotzdem eher unter „Ferner liefen“). Und dann kommt das dicke ABER: Es gab keine Matches, für die man Geld bezahlte, keine längeren Matchzeiten für Frauen, keine fesselnden Charaktere (hey, eine Frau mit einem Gimmick, das nichts mit Titten zu tun hat - hat man das schon mal gesehen?), keine wirklichen Storylines. Kurzum: Frauen-Wrestling war gleichbedeutend mit Pinkelpause.

Fabulous Moolah hält NWA Women's Championship über 28 Jahre

Um das mal ein wenig zu veranschaulichen und die Geschichte nachzuzeichnen: The Fabulous Moolah hielt die NWA World Women’s Championship, die sie mit in die WWF brachte, stolze achtundzwanzig Jahre lang - für die totalen Nerds: Sie hat den Titel ein paarmal zwischendrin für ein paar Tage verloren, was die WWE aber bis heute nicht anerkannt hat; aber keine andere hielt den Titel während dieser Zeit länger als drei Wochen. Achtundzwanzig Jahre lang, von 1956 bis 1984. Wenn ihr dachtet, Bruno Sammartinos knapp achtjährige Regentschaft wäre lang und John Cena würde den Main Event schon viel zu lange blockieren (was er auch tut, keine Frage): Acht. Und. Zwanzig. Fucking. Jahre. Wenn man vielleicht nicht so ganz mit der Materie vertraut ist, könnte man sagen: Stramme Leistung. Wenn man ein wenig hinter die Fassade schaut, merkt man dann aber doch relativ schnell, dass ein feministisches Ausschlachten dieser langen Titelregentschaft wohl kaum möglich ist - einfach, weil es keine vernünftigen Gegnerinnen gab. Keine Nachfrage, kein Angebot.

Als die WWF in den 1980er-Jahren schließlich international boomte, wurde das Frauen-Wrestling wenigstens einigermaßen bedacht: Cyndi Lauper (ja, genau, die Girls-just-want-to-have-fun-Cyndi Lauper) wurde für ein paar Storylines verpflichtet. Wrestling-Manager Lou Albano tauchte im Video zum Song auf (kein Scherz, schaut nach) und bei The Brawl to end it All 1984 holte sich Wendi Richter den Titel von Moolah mit Lauper in ihrer Ringecke (kleiner Fun-Fact am Rande: Diese Show lief auf MTV, was damals so etwas wie ein Musiksender war und diese Sendung ist bis heute die meistgesehene in der MTV-Geschichte!). Wer mal kurz reinschauen will:

Das Frauen-Wrestling war im Aufwind. Wobei, nein, das muss ich anders formulieren. Sagen wir mal: Frauen im Sports-Entertainment waren im Aufwind. Wenn man sich das reine WWF-Wrestling der 80er- und frühen 90er-Jahre anschaut, kommt da nicht viel bei rum, geschlechterunabhängig. Es war die Zeit der Over-the-top-Muskelkörper, der quitschbunten Ringkostüme, der schreienden Fleischklopse und der Jeder-Wrestler-hat-einen-Beruf-Gimmicks. Hinter diesen Erscheinungen hatten die Frauen zwar ganz eindeutig das Nachsehen, jedoch waren sie immerhin in Storylines involviert. Mit Cyndi Lauper schlug sich ein echter Star auf Wendi Richters Seite - das war auch bei der allerersten WrestleMania der Fall, wo Richter den Titel ein zweites Mal gewinnen konnte, nachdem sie ihn zwischenzeitlich an Leilani Kai verloren hatte. Zudem wurde eine Tag Team Championship für die Damen eingeführt, die von 1983 bis 1989 Bestand hatte. So richtig prominent war dieser Titel aber nicht; immerhin wurde er einmal beim Royal Rumble 1988 verteidigt. Ansonsten war er eher eine Sache für die Houseshows - aber immerhin.

Aber noch 1985, dem Jahr der allerersten WrestleMania, hing der Segen schief in der Women’s Division. Offenbar hatten Wendi Richter und WWF-Boss Vince McMahon ordentlich Backstage-Probleme. Das sorgte für den sogenannten „Original Screwjob“ im November 1985: Moolah nahm Richter den Titel maskiert und mit dem Namen „The Spider Lady“ ab, ohne, dass Richter etwas davon wusste. Der Ringrichter zählte den 3-Count durch und Richter war ihren Titel los. Ziemlich genau das Prozedere also, was wir zwölf Jahre später beim Montreal Screwjob erlebt haben, nur eben nicht auf einer so prominenten Bühne. Was genau zum Screwjob führte, ist nicht so ganz klar. Beide Seiten behaupten vollkommen unterschiedliche Sachen: Laut Vince McMahon habe sich Richter geweigert, einen neuen Vertrag zu unterschreiben, während Richter behauptete, einen gültigen Fünfjahresvertrag gehabt zu haben und schiebt die Schuld auf McMahon, mit dem sie persönliche Schwierigkeiten gehabt habe. Naja, nix Genaues weiß man nicht. Was aber definitiv passierte: Richter war weg und mit ihr das Gesicht der Women’s Division. Der Titel dümpelte nach dem Screwjob immer weiter in die Bedeutungslosigkeit und wurde 1990 schließlich eingestellt.

Alundra Blayze wirft WWF-Titel bei Nitro in die Mülltonne

Drei Jahre später jedoch wurde ein neues Gesicht gefunden, um das die WWF die Women’s Division aufbauen wollte und wieder einmal sollte es nicht klappen: Diesmal war es Alundra Blayze. Auch weitere Charaktere wie Bull Nakano und Bertha Faye wurden aufgebaut und fehdeten mit ihr. Was dann jedoch im Sommer 1995 passierte, war der erste größere Coup der WCW in Zeiten der Monday Night Wars. Die WWF hatte Geldprobleme - logisch, wenn Medienmogul und Multimilliardär Ted Turner am anderen Ende sitzt. Die WWF musste also Leute entlassen: Alundra Blayze gehörte dazu - und das als amtierende WWF Women’s Championesse. Die WCW witterte ihre Chance. Eric Bischoff verpflichtete Blayze, die zufälligerweise noch den Titelgürtel hatte. Sie hatte eigentlich die Absicht gehabt, den Titel an McMahon zurückzugeben, aber Bischoff ließ all seinen Charme spielen: Blayze tauchte bei Nitro auf und warf den WWF-Frauentitel vor den Livekameras in eine Mülltonne.

Ein Wrestling-Booker hätte sich dieses Szenario wohl kaum besser ausdenken können. Welch eine Chance, auch in der WCW eine Frauen-Division aufzubauen! Mit einem „Elfmeter“-Vergleich kommt man schon gar nicht mehr hin - das ist ein Freistoß 20 Zentimeter von der Torlinie entfernt. Und was war? Die WCW ließ die Frauen-Division komplett verhungern. Notdürftig und alibimäßig wurde in Zusammenarbeit mit der japanischen Frauen-Wrestling-Promotion GAEA 1996 ein eigener Titel eingeführt - aber die Tatsache, dass der Titel nicht einmal ein Jahr überlebte, zeigt, glaube ich, ganz gut, wie ernst es der WCW ums Frauen-Wrestling bestellt war. Prominent vertreten hingegen waren da eher die Nitro Girls. Das waren Chearleader, wie man sie von Basketball- oder Baseballspielen oder so kennt. Ja… das ist im Prinzip auch schon alles, was in der WCW jemals in Sachen Frauen passierte. Nicht, dass es bei der Konkurrenz anders - oder gar besser - gelaufen wäre. Als Alundra Blayze weg war, schlief auch in der WWF das Frauen-Wrestling wieder ein. Der Titel war sowieso weg und wurde auch nicht wieder neu eingeführt. Einmal mehr für ziemlich genau drei Jahre gab es keine eigene Frauen-Division.

Attitude Era: Wrestlerinnen sind Models oder Playmates

Inmitten der Attitude Era schließlich erwachte eine neue Frauen-Division, aber… tja, versucht DAS mal in behutsame Worte zu packen, Leute. Die Attitude Era zeichnete sich durch einen Wechsel der Zielgruppe aus: Man richtete das Programm nun auf Erwachsene aus. Und der Begriff „Erwachsenen-Unterhaltung“ meint hier mehr oder weniger das, wohinter man euphemistisch gerne mal Arsch und Titten verpackt. Im Ring standen ab Ende der 1990er-Jahre bis etwa zum Ende des vorigen Jahrzehnts in erster Linie Models (Trish Stratus, Kelly Kelly), Playmates (Maria Kanellis, Torrie Wilson, Sable) und ehemalige Softporno-Darstellerinnen (Candice Michelle, Mickie James). Zwischendrin waren hier aber auch immer wieder einige eingestreut, die ihr Handwerk wirklich gut beherrschten (Lita, Natalya). Einige der erstgenannten Damen haben sich freilich auch zu guten Wrestlerinnen entwickelt, keine Frage, aber auch hier ist der Begriff Frauen-Wrestling kaum angebracht: Es war die Zeit der Abendkleid-Matches, des Schlammcatchens und des Erotisch-mit-dem-Hintern-Wackelns.

Auch der Begriff „Diva“, der für die Wrestlerinnen verwendet wurde, zeugt von eher semi-begeistertem Interesse an einer echten Klopperei. Bei einer „Diva“ denke ich entweder an eine übergewichtige Sopranistin oder an eine berühmte Zicke mit Star-Allüren - beides keine sonderlich schmeichelhafte Anspielung. Und auch wenn die Frauen im Rahmen ihrer Division gut waren, so war ihr reines Wrestling eben nicht so gut wie das der Männer. Lita zum Beispiel heimst die Lorbeeren dafür ein, Lucha-Libre-Aktionen im Frauen-Wrestling des amerikanischen Mainstreams etabliert zu haben. Stimmt ja auch. Vorher hat man hier von keiner Frau eine Hurricanrana oder einen Moonsault gesehen. Aber hier zeigten Frauen das, was die Männer schon seit Jahrzehnten zeigten. Das hatte nicht das Zeug zur Attraktion.

NXT-Launch als Meilenstein - endlich gutes Wrestling

Seit 2008 jedoch hat sich langsam aber sicher ein Paradigmenwechsel vollzogen, der schließlich in die Women’s Revolution mündete. Mehrere Stimmen schreiben das dem oft verschmähten PG-Rating der WWE-Shows wohlwollend zugute: Eine familienfreundliche Unterhaltung verträgt sich eben schlecht mit einer Tittenshow. Die Wrestlerinnen, die die WWE seitdem verpflichtete, waren eben von nun an in erster Linie tatsächlich Wrestlerinnen. Außer Kontext mag dieser Satz extrem bescheuert klingen,  aber wenn man sich das „Eye Candy“ der vorigen Jahre anschaut, stellt der Umstand, dass man jetzt Wrestlerinnen als Wrestlerinnen einsetzte, wahrlich eine Revolution dar.

Ein weiterer Meilenstein war der NXT-Launch 2010. Wie auch die Einführung des PG-Ratings hat sich das nicht sofort auf die Frauen-Division ausgewirkt, aber hier wurden entscheidende Grundsteine gelegt, auf die in den kommenden Jahren aufgebaut wurde. Bei NXT wurde auf einmal großartiges Frauen-Wrestling gezeigt - Frauen wie Paige, Becky Lynch, Sasha Banks, Charlotte oder Bayley stellten oftmals das beste Match der Show auf die Beine. NXT hatte zwar damals wie heute „nur“ den Status eines Entwicklungsbrands inne, aber die Auswirkungen auf den Hauptkader waren nicht zu übersehen.

Langsam aber sicher begann sich der Blick der Fans auf Frauen-Wrestling - und ja, jetzt kann man diesen Begriff auch guten Gewissens benutzen - zu ändern. Die Lawine ins Rollen brachte schließlich ein Tag Team Match zwischen Paige & Emma und den Bella Twins bei RAW am 23. Februar 2015. Die Bellas frühstückten ihre Gegnerinnen in unter einer Minute ab - die Entrances dauerten, jeder für sich genommen, schon doppelt so lang wie das eigentliche Match. Nicht ungewöhnlich im Hinblick auf das Frauen-Wrestling der letzten Jahrzehnte - zumal in einer Weekly und nicht bei einer Großveranstaltung -, aber da sich das Frauen-Wrestling selbst nun zu einem echten Hingucker entwickelt hatte, sorgte dies für den Beginn einer Revolution; der Hashtag #givedivasachance machte die Runde.

Was folgte, ist glaube ich noch relativ gut bekannt: Frauen durften - inzwischen sogar schon zweimal - ein WWE-Großevent headlinen. Sasha Banks trat bei NXT TakeOver: Respect gegen Bayley im Main Event in einem dreißigminütigen Iron Woman Match an. Etwa ein Jahr später war es abermals Banks, die mit Charlotte bei WWE Hell in a Cell zum ersten Mal ein Hauptkader-PPV-Main Event bestritt - und gleichzeitig war es auch noch das erste Hell in a Cell Match zweier Frauen in der WWE.

Und nun sind es eben jene drei Namen, die bei WrestleMania im Kampf um den Damentitel stehen: Bayley, Sasha Banks und Charlotte. Und dann halt noch Nia Jax. Wir dürfen gespannt sein, denn nie war Frauenwrestling so cool wie jetzt gerade.

Update vom 25. März 2019: Ronda Rousey vs. Becky Lynch vs. Charlotte Flair wird erster Frauen-Main-Event bei WrestleMania

Gelesen 1096 mal Letzte Änderung am Montag, 25 März 2019 16:14

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